Gabi Zachmann, KIT
Four young women standing outdoors next to a sign that reads "Spüre die Textur von Leerdamplatz".

Von Pfinztal für die Ukraine lernen

Im Rahmen eines gemeinsamen Lehrprogramms waren 15 ukrainische Studierende und Dozierende der Architektur zu Gast am KIT. Ob tagsüber beim Workshop in Pfinztal oder nachts in Karlsruhe: Ihre Heimat geht ihnen nicht aus dem Kopf. 

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Die Teilnahme ist freiwillig und anonym.

Die App „Air Alert“ hat Oleksandra Hehedosh während ihrer Zeit am KIT ausgeschaltet. Sie warnt die Architektur- und Stadtplanungsstudentin der Polytechnischen Universität in Lviv vor Drohnenattacken, die in einem Umkreis von 15 Kilometern passieren. „Creepy“ nennt sie das, aber auch überlebenswichtig in einem Land, das seit Februar 2022 von Russland angegriffen wird.

Rund 1 400 Kilometer westlich braucht Oleksandra die App nicht und kann sich voll und ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren: Wie könnte die Gemeinde Pfinztal für die Zukunft resilienter werden? Zusammen mit 15 weiteren Studierenden und Dozierenden von den Universitäten Kharkiv, Kyjiw, Lviv und Odessa sowie Studierenden des KIT erarbeitet sie Konzepte dafür, wie sich suburbane Räume und öffentliche Plätze für die Zukunft aufwerten lassen.

Online bei KIT-Vorlesungen dabei, dann vor Ort

Resilienz und Nachhaltigkeit sind der Fokus des deutsch-ukrainischen Projekts „Competence Network of Urban Transformation and Resilience“ (CNTUR). Das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst finanzierte Programm hat Professorin Barbara Engel vom Institut für Entwerfen von Stadt und Landschaft des KIT auf die Beine gestellt. Ziel ist es, langfristig eine gemeinsame städtebauliche Lehre zwischen dem KIT und den am Projekt beteiligten Universitäten aus der Ukraine aufzubauen. Seit 2025 können die ukrainischen Studierenden online an KIT-Vorlesungen und an verschiedenen Workshops zusammen mit Studierenden des KIT teilnehmen – wie beispielsweise vergangenes Jahr in Estland.

Aber aus Pfinztal für die Ukraine lernen? Ist das nicht ein wenig weit hergeholt? „Gar nicht“, lacht Kateryna Rodynchuk, ebenfalls aus Lviv. „Wir haben in der Ukraine schon ähnliche Situationen oder werden sie bald erleben: Gemeinden wurden in Kriegen zerstört und wieder aufgebaut, Menschen vom Land ziehen in die Stadt. Das sind große Bewegungen. Deswegen ist es interessant, uns das hier anzuschauen.“ Einige der studentischen Antworten für Pfinztal: die Natur in der Stadt wahrnehmen und zulassen, Orte der Begegnung wie Spielplätze schaffen, Brücken über geografische Hindernisse wie Bäche oder Straßen bauen. 

Barbara Engel sitzt an einem Tisch und spricht.
Professorin Barbara Engel hat das gemeinsame Lehrprogramm CNTUR initiiert.
Vier junge Frauen stehen im Freien neben einem Schild mit der Aufschrift „Spüre die Textur von LEERDAMPLATZ“.
In Pfinztal stellten die Studierenden aus der Ukraine und dem KIT ihre Ideen für eine resiliente Gemeinde vor.

 

Gruppe von Erwachsenen und Jugendlichen mit Kinderwagen im Gespräch im Freien.
Im Gespräch mit der Bevölkerung erfuhren die Teilnehmenden des Programms mehr darüber, was die Menschen bewegt.

 

Junger Mann baut im Freien eine Konstruktion aus Holzpaletten.
Ein paar Stufen helfen dabei, den Zugang zum Wasser zu erleichtern. Die Konstruktion schützt außerdem den umgebenden Lebensraum vor dem Zertrampeln.
Vier junge Frauen sitzen nebeneinander und blicken lächelnd in die Kamera.
Kateryna Rodynchuk (Mitte, rot gekleidet) nahm zum dritten Mal am Programm teil.
Drei junge Menschen im Gespräch in einem hellen Raum.
Oleksandra Hehedosh (Mitte) aus Lvjw wünscht sich noch mehr Austausch mit den KIT-Studierenden.

 

Schutzräume als essenzielles Architektur-Thema

Am Ende des Semesters und ihrer Zeit am KIT blicken Oleksandra und Kateryna zufrieden zurück. Der mehrmonatige Austausch habe ihnen neue Einblicke gebracht, nicht nur inhaltlich, sondern auch zu Forschungsmethoden, Präsentationsskills oder zur Art zu lehren. Gerne hätten die beiden jedoch deutlich mehr direkt mit den deutschen Studierenden gearbeitet, sowie über Schutzräume gesprochen – für sie ein mittlerweile essenzielles Thema der Architektur. „Als ich Teenager war, wollte ich auch einfach nur schöne Häuser bauen“, erinnert sich die 22-Jährige Kateryna. „Meine Masterarbeit habe ich jedoch zu den Krankenhäusern und Reha-Kliniken für Soldaten und Verletzte geschrieben. Das gibt’s in Lviv, aber nicht in anderen Städten. Nach dem Krieg wird es wichtig sein, diese Infrastruktur zu haben.“

Bevor sie zurück in die Ukraine fahren, laufen die Studierenden noch einmal lange durch die Karlsruher Nacht: „Wir dürfen abends nicht mehr auf die Straße. Hier kann man einfach bis ein oder zwei Uhr nachts spazieren“, lächelt Oleksandra.

Isabelle Hartmann, 06.08.2026