„Innovationsökosysteme wie das KIT sind essenziell für die technologische Souveränität Deutschlands“
Helmholtz-Präsident Martin Keller besuchte Mitte März das KIT und hatte die Gelegenheit, sich über die laufende Forschung zu informieren, sich mit Nachwuchsforschenden auszutauschen und einige der einzigartigen Infrastrukturen zu besichtigen. Über die zentralen Themen der Helmholtz-Gemeinschaft und die Rolle des KIT sprachen er und KIT-Präsident Jan S. Hesthaven in einem gemeinsamen Interview.
clicKIT: Die Helmholtz-Gemeinschaft vereint 18 Zentren unter einem Dach. Was verbindet sie, was macht für Sie Helmholtz zu Helmholtz?
Martin Keller: Die Helmholtz-Gemeinschaft lässt sich mit einer Fußballmannschaft vergleichen, in der jeder Player über besondere Eigenschaften und individuelle Talente verfügt. Was uns verbindet, ist unser Teamgeist, unsere gemeinsame Mission und unser systemischer Blick: Wir möchten Antworten auf die großen und drängenden Fragen von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft finden. Dank unserer Größe und der unterschiedlichen Schwerpunkte der einzelnen Zentren sind wir in der Lage, die gesamte Forschungskette – von den Grundlagen bis hin zur Anwendung – abzudecken. Zudem bilden unsere Großforschungsanlagen die Basis für eine einzigartige Datengrundlage, durch die sich Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen miteinander vernetzen lassen.
Sie betonen beide, dass Forschungseinrichtungen gesellschaftliche Verantwortung haben. In der Wissenschaftspolitik zählen die Hightech Agenda Deutschland und die zunehmende Bedeutung sicherheits- und verteidigungsrelevanter Forschung zu den großen Themen. Wie wird sich Helmholtz hier aufstellen und in welcher Rolle sehen Sie dabei das KIT?
Keller: Die Überschneidung zwischen unseren Forschungsschwerpunkten und den Themen der Hightech Agenda ist massiv. Das sagt im Grunde alles. Welche konkreten Prioritäten Helmholtz in der sicherheitsrelevanten Forschung setzen wird, diskutieren wir noch innerhalb der Gemeinschaft. Eines steht jedoch fest: Innovationsökosysteme wie das KIT sind essenziell, um ein tragfähiges Fundament für technologische Souveränität und sicherheitspolitische Resilienz in Deutschland zu schaffen.
Jan S. Hesthaven: Wir sind stolz, Teil der Helmholtz-Gemeinschaft zu sein, denn die Kombination aus Helmholtz-Zentrum und starker Universität eröffnet einige einzigartige Möglichkeiten. Das KIT ist unter anderem in den Themen KI, Quantentechnologien, Fusion, Chipdesign und Sensortechnologien stark und bringt hier Spitzenforschung in die Anwendung. Das sind genau die Schlüsseltechnologien, die auch die Hightech Agenda hervorhebt. Die Großforschung mit ihren Möglichkeiten, ihrer Ausstattung, ihren Menschen ist ganz entscheidend, um Lösungen für eine nachhaltige und resiliente Gesellschaft entwickeln zu können. Das besondere Asset des KIT ist ja gerade das Zusammenspiel von missions- und neugiergetriebener Forschung. Sicherheitsrelevante Forschung ist ein zentrales Thema für uns: Selbstverständlich muss sie verantwortungsbewusst, im Einklang mit unseren ethischen Leitlinien laufen und den offenen und inklusiven Charakter einer Universität respektieren. Dass wir uns mit Technologien beschäftigen müssen, die der Sicherheit und Resilienz Deutschlands und Europas dienen, steht für mich außer Frage. Das ist ein wesentlicher Teil unseres Vertrags mit der Gesellschaft. Wir sind Partner im Innovationscampus Sicherheit und Verteidigung des Landes Baden-Württemberg und sind dabei, uns bei diesem Thema zu positionieren, auch um eine klare Haltung, nach innen und außen, einnehmen zu können.
Viele der Helmholtz-Zentren haben einen klaren thematischen Fokus. Das KIT ist insgesamt breiter aufgestellt. Ist das ein Nachteil – oder eine Stärke?
Hesthaven: Das KIT ist in den vier Helmholtz-Forschungsbereichen, zu denen es substanziell und auf vielfältige Weise beiträgt, sehr gut verwurzelt. Um die aktuellen Herausforderungen angehen zu können, müssen wir übergreifend denken – am KIT und in Zusammenarbeit mit den anderen Helmholtz-Zentren. Gerade an diesen Schnittstellen wie zwischen Energieforschung und Informationstechnologien, um nur ein Beispiel zu nennen, ist das KIT sehr gut aufgestellt. Genau diese Fähigkeit zur interdisziplinären, auch institutionsübergreifenden Zusammenarbeit macht uns stark. Wir können und sollten nicht den Eindruck erwecken, wir könnten „alles“ machen. Vielmehr müssen wir uns darauf fokussieren, unsere Stärken und auch unsere Kooperationen mit den passenden Partnern auszubauen.
Keller: Das KIT nimmt eine einzigartige Stellung im deutschen Wissenschaftssystem ein. Als Universität in der Helmholtz-Gemeinschaft verbindet es Forschung und Lehre mit großen Forschungsinfrastrukturen – eine Kombination, die ich bei meinem Besuch unmittelbar gespürt habe. Mich hat die thematische Breite ebenso wie der integrative Ansatz, mit dem hier unterschiedliche Disziplinen zusammengeführt werden, sehr beeindruckt. Strategische, institutions- und disziplinübergreifende Forschung ist der Schlüssel, um Innovationen in zentralen Zukunftsfeldern entscheidend voranzubringen.
Das KIT ist die einzige Universität in der Helmholtz-Gemeinschaft. Für das KIT ist „educating talent our priority“. Wie passt das zum Auftrag der HGF?
Keller: Zukunft passiert jetzt – unter anderem durch die Ausbildung und Förderung der Spitzenkräfte von morgen. Davon profitiert letztlich nicht nur die Helmholtz-Gemeinschaft, sondern die Wissenschaftscommunity weltweit. Deswegen ist es mir auch so wichtig, während meiner Tour durch die Helmholtz-Gemeinschaft ausreichend Zeit und Raum für den Austausch mit den Promovierenden, Postdocs und Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leitern zu haben. Ich möchte besser verstehen, was sie aktuell bewegt und beschäftigt.
Was wäre in fünf Jahren ein klares Indiz dafür, dass der gemeinsame Kurs stimmt?
Hesthaven: Wir stehen am KIT, genau wie die Helmholtz-Gemeinschaft, am Anfang eines Strategieprozesses, in dem es nicht nur darum geht, die Forschung auf die großen Herausforderungen und den gesellschaftlichen Nutzen zu fokussieren – sondern auch darum, als Organisation agiler zu werden und uns noch weiter zu öffnen: für neue Kooperationen, für neue Talente aus aller Welt. Zu den Erfolgskriterien zählt es, dass wir spürbar schneller zu Entscheidungen kommen, Ideen schneller in die Umsetzung bringen können, unsere Kräfte mit starken Partnern bündeln und mehr Studierende, Forschende und Beschäftigte aus aller Welt für das KIT gewinnen. Dabei müssen wir aber sicherstellen, dass das KIT ein Ort ist, an dem Talente sich weiterentwickeln und ihre Karriere vorantreiben wollen.
Keller: Ein zentrales Anliegen ist für mich, die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Forschungsbereichen weiter zu stärken – auch, um unseren Beitrag zu einer „KI made in Germany“ zu leisten. Gleichzeitig möchte ich die Programmorientierte Förderung (POF) verschlanken und die Kooperation mit der Wirtschaft durch Public-Private-Partnerships (PPP) gezielt ausbauen. Helmholtz hat das Potenzial, zum Katalysator für die gesamte deutsche Innovationslandschaft zu werden. Darüber hinaus gilt es, Helmholtz als Marke in der Gesellschaft sichtbarer zu machen. Wir müssen verständlicher und klarer kommunizieren, woran wir forschen und warum. Das sind wir nicht zuletzt den Steuerzahlerinnen und -zahlern schuldig, die unsere Arbeit ermöglichen.
Margarete Lehné, 23.04.2026

