Cynthia Ruf, KIT
Hermann Merkel poses for a photograph.

Ein Doktortitel kennt kein Alter

Würdest du mit 73 noch promovieren? Hermann Merkel hat es getan und darf sich fünf Jahre später offiziell „Doktor“ nennen. Der frühere Spediteur forschte am Institut für Fördertechnik und Logistiksysteme des KIT zu E-Highways und zweifelte dabei öfter mal an sich selbst. Was ihn dennoch antrieb und warum ihn die Zeit besonders geprägt hat, erzählt er in clicKIT. 

„Wir können mit allem rummachen, nur nicht mit der Qualität“, sagte Professor Kai Furmans zu seinem wohl ältesten Doktoranden, als dieser sich vor fünf Jahren mit einem Themenvorschlag bei ihm meldete. Vier Jahrzehnte lang leitete Hermann Merkel seine eigene Spedition. Entscheidungen traf er schnell, oft aus Erfahrung heraus. Nach dem Verkauf seiner Firma ließ ihn ein Thema jedoch nicht los: der Einsatz von E-Highways im Straßenverkehr. Eine Strecke, die seine LKWs früher täglich befuhren, wurde zur Teststrecke mit Oberleitung. Hermann war zunächst skeptisch: „Irgendwann habe ich gedacht, dass man das genauer untersuchen sollte, und seitdem spukte mir die Idee mit der Promotion im Kopf herum.“

Aller Anfang ist schwer

Dass er dafür noch einmal an die Universität zurückkehren würde, war keineswegs selbstverständlich. Zwischen seinem Ingenieurdiplom und der Promotion lagen rund 50 Jahre. „Ich habe ständig gezweifelt, ob ich das hinbringe“, sagt Hermann rückblickend. Als externer Doktorand arbeitete er zunächst allein und lernte Programme wie LaTeX und Matlab. „Ich bin oft über Tutorials gesessen. Manchmal hat’s geklappt und manchmal erst nach langem Probieren“

Gleichzeitig trieb ihn sein Ehrgeiz an. Wenn er etwas anfängt, will er es auch zu Ende bringen. Sein Doktorvater forderte und förderte ihn dabei mit klaren Worten: „Sie sind kein Spediteur mehr. Sie sind jetzt Wissenschaftler.“ Für Hermann bedeutete das, anders zu denken. Nicht mehr aus dem Bauch heraus entscheiden, sondern Thesen belegen und Annahmen überprüfen.

Mit Elektroantrieb auf der Überholspur

Die E-Highways, mit denen sich Hermann in seiner Doktorarbeit beschäftigte, sind Autobahnstrecken, die mit einer Oberleitung ausgestattet sind. LKWs beziehen daraus Strom zum Antrieb ihrer Elektromotoren. Im Vergleich zum Dieselantrieb lassen sich so bis zu 40 Prozent CO₂ einsparen. Hermann hat das System eWay aus betriebswirtschaftlicher Sicht untersucht und sich dabei gefragt: Für wen lohnt sich das? Welche Strecken müssten elektrifiziert sein, damit sich die Investition in teure Oberleitungs-LKW rechnet?

Sein Fazit: Unter bestimmten Voraussetzungen können E-Highways sinnvoll sein. Die Entwicklung leistungsfähiger E-LKWs hat das Bild in den vergangenen Jahren aber stark verändert. Während er rechnete und modellierte, verbesserten sich Batterien rasant. Heute setzen viele auf reine Elektro-LKWs statt auf Oberleitungssysteme.

Ein spätes Kapitel – und ein ganz besonderes

Trotz spannendem Thema war Hermann vor allem die Zeit am Institut besonders. Nach der Corona-Phase integrierte er sich zunehmend ins Team, fuhr mit zum Winterseminar in die Schweiz und tauschte sich immer mehr mit jüngeren Forschenden aus. „Am Anfang war ich hier wahrscheinlich aufgeregter als früher in meiner Firma, aber die Kolleginnen und Kollegen haben mich sehr gut aufgenommen“, sagt er. „Sie haben mir Hilfestellung gegeben, wo ich auch tatsächlich Hilfe gebraucht habe.“ Umgekehrt sei auch seine umfangreiche Praxiserfahrung geschätzt worden.

Durchhalten bis zum Ziel

Mit 78 Jahren zu promovieren, ist nicht selbstverständlich. Es braucht Gesundheit, Ausdauer und den Mut, sich noch einmal auf etwas Unbekanntes einzulassen. Hermann hat gezweifelt, oft sogar. Aber er ist drangeblieben und sagt heute: „Ich kann nur jeden ermuntern, noch zu lernen. Es ist einfach etwas Schönes, wenn man sich wieder etwas Neues erarbeitet, bei dem man mitdenken und mitreden kann.“ Am Ende ist das auch seine wichtigste Erkenntnis: Lebenslanges Lernen lohnt sich.

Elisa Rachel, 05.03.2026

Kai Furmans und Hermann Merkel posieren gemeinsam für ein Foto. Cynthia Ruf, KIT
Professor Kai Furmans (l.) war Hermanns Doktorvater.