RAUSGESCHAUT

Vom Wesen der Dinge: das DDR-Museum Pforzheim

Unser Leben ist mit Dingen angereichert, Objekten, die wir im Laufe der Zeit sammeln und aufbewahren – und manchmal ganz gerne wieder loswerden. In Museen werden unzählige solcher Dinge gesammelt und der Nachwelt präsentiert, so auch im DDR-Museum Pforzheim, wo eine Studentin des KIT an einem „besonderen“ Projekt arbeitet.

Fotos: Gerhard Bäuerle und Timo Schreck
Text: Timo Schreck


Fast ein wenig versteckt liegt es da, am Waldrand, in einem ehemaligen Gebäude der französischen Besatzungsstreitkräfte: das DDR-Museum Pforzheim. Als einziges Museum in Westdeutschland widmet es sich der Aufarbeitung der SED-Diktatur, insbesondere mit Blick auf die Ankunft der Geflüchteten im Westen. Aus der anfänglichen Privatsammlung ist mittlerweile eine sehenswerte Dauerausstellung im ehrenamtlich geführten Museum geworden. Ein Stück Grenzschutzzaun findet sich hier ebenso wie Embleme der Freien Deutschen Jugend oder der Nachbau eines Verhörraums des Staatssicherheitsdienstes (Stasi). Für Abwechslung sollen zukünftig neben den Sonderausstellungen auch „besondere Objekte“ sorgen. Diese zu finden, ist die Aufgabe von Sophia Merkel, die am KIT Europäische Kultur und Ideengeschichte studiert. Keine leichte Aufgabe, denn schon der antike griechische Philosoph Heraklit wusste: „Das Wesen der Dinge hat die Angewohnheit, sich zu verbergen.“

Blick in die Ausstellung: die DDR von A(mpelmännchen) bis Z(eitung). (Bild: Gerhard Bäuerle)

Doch der Reihe nach, so ein „besonderes Objekt“ will schließlich mit Bedacht ausgewählt werden. „Es geht darum, Objekte zu finden, die eine Geschichte erzählen können“, sagt Merkel. Eine echte Herausforderung, wie bei einem Blick ins Depot des Museums klar wird. Die dicht an dicht aufgestellten Regale sind zum Bersten mit Kartons bestückt, die Schatztruhen gleichen, angefüllt mit Zeugnissen der Vergangenheit der DDR – alles archiviert und katalogisiert, versteht sich. Dort den Überblick zu behalten, will gelernt sein, nicht zuletzt eben, weil man nicht immer weiß, was einem da von Zeitzeugen und Sammlern überhaupt alles angetragen wird.

Zwischen den Kartons finden sich auch größere Objekte, die sich nicht in eine Schachtel pressen lassen wollen. Merkel holt einen gut 30 Zentimeter hohen, braunen Zylinder mit der Archivnummer 534 2/2 hervor: „Das ist ein ‚Krebs‘“, erklärt sie. „Der wurde benutzt, um Informationen über inoffizielle Stasi-Mitarbeiter aufzubewahren. Bei Bedarf konnte er vergraben und die Information so gesichert werden.“ Dieses Wissen ist das Ergebnis einer langwierigen Recherche, denn der unspektakuläre Behälter gibt an und für sich wenig her. Nach und nach offenbarte er schließlich, um bei Heraklit zu bleiben, sein Wesen und seine Geschichte: „Die Geschichte eines Objekts ist auch die Geschichte seines historischen Kontextes. Der ‚Krebs‘ erzählt vom Überwachungsstaat und seinen Auswüchsen. Er ist ein Symbol für die Paranoia der Regierung vor einem Dritten Weltkrieg. Auf diese Weise wollte sie Informationen über Agentennetze bewahren und nicht dazu gezwungen sein, diese zu vernichten.“

Sophia Merkel im Depot des Museums. In ihren Armen hält sie einen sogenannten „Krebs“, hinter ihr stapeln sich die Kartons zur Aufbewahrung zahlreicher Objekte in den Regalen. (Bild: Timo Schreck, KIT)

Das ist nur ein Beispiel von insgesamt über einem Dutzend Gegenständen, die bislang für das Projekt „Das besondere Objekt“ ausgewählt wurden, das von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg mit 2 000 Euro gefördert wurde. Sie alle haben ihre ganz eigene Geschichte, die Sophia Merkel ergründet und erzählt. Bei Hindernissen helfen auch Zeitzeugengespräche, oft wissen die nämlich einiges zu berichten oder können zumindest einen entscheidenden Hinweis geben. „Das ist viel Wert, solche Gespräche bieten meist nochmal eine andere Perspektive als Bücher.“ Das erste Objekt, eine stilisierte Darstellung der Deutzender Brikettfabrik als Symbol für den wichtigsten Rohstoff der DDR, Braunkohle, wird ab dem 26. Januar 2020 zu sehen sein.

Was die Studentin aus dem Projekt mitnimmt? „In der ganzen Diskussion um Überfluss und Minimalismus, vergisst man leicht, dass Dinge prägend sind, für das eigene Leben, aber auch für andere Menschen, die davon berührt werden. Wir laden diese Objekte durch unsere Handlungen und Erinnerungen mit Bedeutung auf“, fasst Merkel zusammen. Vielleicht ist es aber auch einfach so, wie ein anderer Philosoph, der schottisches Aufklärer David Hume, einst sagte: „Die Schönheit der Dinge lebt in der Seele desjenigen, der sie betrachtet.“

Nachbau einer Gefängniszelle. (Bild: Gerhard Bäuerle)

Montag, 23. Dezember, 2019
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Geschrieben von: Gastautor