GESICHTER, RAUSGESCHAUT

Per aspera ad astra: KIT-Alumnus Mappes behält mit und trotz Teleskopen den Überblick

Die wissenschaftliche Karriereleiter hat viele Sprossen: vom Bachelor bis zum Senior Scientist und weiter. Eine ganz besondere bildet die Mitgliedschaft im Young Investigator Network (YIN), in dem meist direkt nach der Promotion Nachwuchsführungskräfte des KIT gefördert werden. Die Bilanz der 155 aktiven und ehemaligen YINs kann sich sehen lassen. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des YIN stellen wir ausgewählte Alumni vor. Heute Timo Mappes: 2008 YIN, 2018 Direktor des Deutschen Optischen Museums.

Fotos: Anne Günther/FSU und Sandra Goettisheim/KIT
Text: Regina Link

 

„Durch das Rauhe zu den Sternen.“ Wenn er im gediegenen Hörsaal aus den 1920ern steht, wird Timo Mappes dieses Zitat von Berufs wegen vor Augen haben – als Museumsdirektor und Professor für Geschichte der Physik an der Uni Jena. Wenn denn der Fries mit dem Spruch an der Wand irgendwann freigelegt ist. Ein winzig kleiner Teil der Herkulesaufgabe, die der 42-jährige Maschinenbauingenieur bis 2022 stemmen muss, denn dem Museum stehen vier Jahre Kernsanierung ins Haus.

Die Sterne sind ihm dennoch, zumindest optisch, recht nahe. Denn als Chef des Deutschen Optischen Museums (D.O.M.) verfügt er, neben vielen anderen Objekten, über Sterngucker jeglicher Couleur und Provenienz. Dabei hat er früher lieber in die Welt hinein- als aus ihr herausgeschaut. Davon zeugen 400 Kisten, in denen seine private Mikroskop-Sammlung steckt. Auch als Wissenschaftler ging es früher eher um den optischen Mikrokosmos und um dessen konkrete Nutzungsmöglichkeiten – Stichwort „Organische Laser“, „Photonische Resonatoren“ oder „Lab-on-a-Chip-Systeme“. Aber ein Mann wie Mappes bleibt nie stehen, und daher muss er nun erst einmal den „in Ehren ergrauten Kasten“, 1924 nach Plänen der Jenaer Architekten Schreiter & Schlag vollendet, der Komplettsanierung unterziehen.

 

Mappes in seinem Labor am KIT im Jahre 2011

 

 

Museum mit Mief und Möglichkeiten
Der repräsentative dreistöckige Museumsbau atmet buchstäblich den schwer zu beschreibenden Odem vergangener Tage. Vielleicht sind es auch einfach nur die Reste von Holzschutzmitteln, wie Mappes vermutet. Hier müssen nicht nur die Wände geweißelt werden. Das Magazin erinnert an eine überdimensionierte Version von Omas Dachboden mit einem vergleichbaren Sammelsurium an nachlässig verwahrten Schätzchen. Vollständige Inventur? Bis jetzt Fehlanzeige. Zwei Fachleute hat Mappes hierfür angeheuert. Die müssen sich ranhalten, denn bald wird ausgezogen. 2022 feiert das Museum seinen 100. Geburtstag, da muss und will Mappes liefern. Was, das hat er anscheinend schon einigermaßen im Kopf. Aus einem überquellenden Optiksetzkasten mit kleinen Textschildchen soll ein modernes museales Aha-Erlebnis voller interaktiver Mitmachexperimente werden. Allerdings mit ernsthaftem Anspruch, also „ohne Kindergarten zu werden“, wie Mappes betont. Keine Materialschlacht an Mikroskopen oder Ferngläsern soll Besucher erschlagen, sondern ausgewählte Objekte ihre Geschichte erzählen. Zum Beispiel die des japanischen Admirals, der gegen die übermächtige russische Flotte dank eines Fernglases mit zwei Okularpaaren gewann. Mit diesem konnte er in der Ferne den weiten Horizont nach dem Rauch von Schiffen absuchen und darüber hinaus hoch vergrößert den Schiffstyp bestimmen – was wichtig ist, wenn man entscheiden muss, ob man angreifen oder besser Leine ziehen sollte.

 

Mappes in seinem Labor am KIT im Jahre 2011

 

 

Von der Wissenschaft über die Wirtschaft ins Museum
Für den 1976 in Mannheim Geborenen war es nicht vorgezeichnet, dass er im D.O.M. einmal die Fäden in der Hand halten würde. Bis zum Sommer wusste er es selbst noch nicht, da ist er noch als Senior Vice President Innovation der Carl Zeiss Vision International GmbH durch die Welt geflogen. Einige Jahre zuvor reüssierte er als Leiter einer Nachwuchsgruppe und als einer der Gründungssprecher des Young Investigator Networks (YIN). YIN wiederum kam zustande, weil das KIT die Gutachter des ersten Exzellenzwettbewerbs 2006 von seinem Konzept überzeugen konnte, an dem auch Mappes mitgeschrieben hatte. Ein kleiner Absatz im Konzept über die Gründung eines Nachwuchsnetzwerks musste dann mit Leben gefüllt werden. Mappes vertrat zusammen mit Chris Eberl und Dominic von Terzi als Sprecher-Trio die YINs vier Jahre lang. Dazu noch die Habilitation, dann Gastprofessuren, dann Start bei der Carl Zeiss AG in Jena.

 

Zugreifen, wenn sich die Chance bietet
Über den vorläufig letzten Karriereschritt ans D.O.M. scheint er doch selbst einen Tick erstaunt zu sein. Immerhin haben die Entscheider den Ingenieur und Nicht-Physiker genommen. Ansonsten aber spricht er vom vorbereiteten Zufall und davon, dass man eben im entscheidenden Moment nicht lange fackeln sollte. Als man ihm bei Zeiss nach zwei Jahren den Posten eines Senior Vice President mit heute 200 Mitarbeitern weltweit angeboten hatte, blieben ihm ganze sechs Stunden für die Entscheidung. Das reichte dem gerade mal 1,70 Meter großen Mann mit den schmalen Augen. In ihm steckt eine ganze Menge Entscheidungskraft. Und vermutlich noch mehr Energie. Die braucht er jetzt. Rein formal betrachtet umfasst seine Aufgabe im Museum laut Satzung in Kurzfassung: den Bestand, immerhin rund 20 000 Objekte, erstmals umfassend inventarisieren, dann das Haus sanieren, inklusive vorübergehendem Auszug, anschließend eine Ausstellung neu konzipieren, zu guter Letzt wieder einziehen, und darüber hinaus die wissenschaftliche Befassung mit den Museumsobjekten anschieben. Und natürlich – was nicht in der Satzung steht – nebenher noch den Lehrverpflichtungen nachkommen. Auch wenn sein Arbeitstag in der Regel von 8 bis 22 Uhr geht, nennt er es selbst „extrem sportlich“. Um dann hinzuzufügen: „Das wird klappen!“ In seiner Stimme ist kein Zweifel zu hören. Ist er nun größenwahnsinnig, ein beinharter Optimist, sehr von sich selbst überzeugt, extrem ehrgeizig, einfach ziemlich gut oder alles zusammen? „Nicht lange diskutieren, sondern machen“, ist wohl so etwas wie sein Lebensmotto. „Wenn es der Organisation etwas bringt, kannst du dich nachher immer noch dafür entschuldigen.“ Steckt auch ein bisschen Schlitzohr im Herrn Ingenieur?

 


Wenn es das Young Investigator Network (YIN) nicht schon längst gäbe, müsste
man es auf jeden Fall erfinden, meint Petra Schwer in ihrem Videoporträt.

 

Situatives Führen: alle fair, aber nicht gleich behandeln
Auf jeden Fall weiß Timo Mappes, wie wichtig es für den Erfolg ist, ein Team zu motivieren und bei der Stange zu halten. Sein Zauberwort hierfür lautet „situatives Führen“, was er in einem Zeiss-Blog so erklärt: „Das bedeutet, dass alle Kollegen fair, aber nicht alle gleich behandelt werden. Das ist natürlich aufwendiger als andere Führungsstile, aber man erreicht auch viel mehr, da man mehr auf die individuellen Stärken und Bedürfnisse der einzelnen Personen eingeht.“ Üben konnte er das als YINler mit seiner Gruppe und im Austausch mit den anderen YINs. Wie man es schafft, mit einem Haufen ambitionierter Gleichberechtigter, er nennt sie Peers, zu Potte zu kommen, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen von dem alle etwas haben, daran konnte er sich schon in der Fachschaft, aber erst recht bei den High Potentials im YIN abarbeiten. Vom Erkenntnisgewinn zehrt er noch heute – und seine Mitarbeiter wohl auch. Es ist zu vermuten, dass das gut funktioniert, er ihnen aber auch viel abverlangt. Unprätentiös anpacken, wo es notwendig ist, das macht er. Ob er nun mit Feuerwehrleuten im vollgelaufenen Keller des Museums steht und dabei seine Schuhe ruiniert oder Gelder für den Umbau ranschafft. Genau das erwartet er auch von seinen Leuten. Und da schimmert dann bei aller situativen Führung auch Härte durch. Wer sich fürs Kaffeetassen wegräumen zu schade ist, kann schon mal aus seinem Arbeitsumfeld verschwinden.

 


„Ich glaube an den einzigartigen Spirit des YIN“, sagt Chris Eberl, einer der
Gründer des YIN.

 

Die andere Seite der Medaille
Wer beruflich bedingt so viel umzieht, wo ist der eigentlich beheimatet? Ist gar die noch bestehende Adresse in Karlsruhe ein Hinweis auf eine Präferenz für das Badische? Meine Frage hängt eine kurze Zeit im Raum, ehe Mappes sie mit einem leichten Lachen beantwortet. Der badische Zweitwohnsitz hat mit seinem siebenjährigen Sohn zu tun, den er möglichst alle zwei Wochen besucht. „Das ist es wahrscheinlich, was ich mir ursprünglich mal anders vorgestellt hätte, aber den privaten Teil können Sie nicht immer komplett steuern“, meint er dazu und hört sich dabei leiser an. Das wäre dann der Punkt Privatleben. „Warum arbeitest du so viel?“, fragen Freunde und Familie. „Ich empfinde es gar nicht als Arbeit, weil es einfach immer so viel Spaß macht“, antwortet er. Er hätte das Glück gehabt, sich Aufgaben aussuchen zu können, die viel Freude und Befriedigung bringen und dadurch eben auch keine Belastung seien. Zumindest für ihn nicht. Sein Sohn hat daraus vorerst seine eigenen Schlüsse gezogen: „Ingenieur möchte ich nicht werden, da hat man ja gar keine Freizeit“, findet er. Es ist ja auch nicht so, als ob Mappes keinen Ausgleich hätte. Marathon oder Alpenüberquerung lägen jetzt nahe. Aber nein, seine Mikroskop-Sammlung ist es. „Das war immer mein Ausgleich, ich habe nie Sport gemacht“ räumt er ein und lacht herzhaft. Wie man dazu kommt? Seine Eltern, bei aller Unterstützung und gewährten Freiheit, wollten ihm kein Kindermikroskop schenken. Da hat er eben sein Taschengeld zusammengekratzt und langsam aber stetig eine Sammlung zusammengekauft. Das private Sammeln ist mit der neuen Aufgabe jetzt vorbei – dafür gilt es nun für ihn, eine weit größere Sammlung vielfältig zu entwickeln.

 

Mappes an seiner neuen Wirkstätte in Jena im Jahre 2018

 

 

Auf die Einweihung des Museums in vier Jahren bin ich gespannt. Dann wird sich zeigen, ob der Mann im Museum durchs Raue hindurch einen weiteren Stern eingefangen hat. Er entlässt mich freilich nicht an die frische Luft, ohne mir eine letzte Geschichte zu erzählen. Wie die Brille zu ihrem Namen kam, weiß ich jetzt. Und alle anderen können ihn selbst fragen oder das D.O.M. besuchen.

 


Tom Brown schätzt den Austausch unter Gleichgesinnten im YIN.

 

Mehr vom YIN erfahrt ihr auf deren Webseiten oder in der Pressemeldung zum Jubiläum.

Was Mappes mit dem Deutschen Optischen Museum umsetzt, findet ihr auf dessen Webseite.

Montag, 12. November, 2018
  GESICHTER, RAUSGESCHAUT


Regina Link

Geschrieben von: Regina Link