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KIT Studis im Ausland: Lucia Baur in Brasilien

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Forró statt Samba, Glühwein statt Caipirinha, Florianópolis statt Rio – ein Semester in Brasiliens Süden. Lucia Baur schreibt über ihre Erfahrungen an der Universidade Federal de Santa Catarina in Florianópolis.

Text und Fotos: Lucia Baur

 

 

Wenn afrikanische Trommelrhythmen über den Campus klingen, mir der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee um die Nase weht, die Palmen sanft im Wind wippen und auf der Straße laut gerufen und gehupt wird, dann ist es Donnerstag in der Mittagspause und ich bin gerade auf dem Weg zum Portugiesisch-Sprachkurs. Klingt eher nach der halben Welt an einem Ort? Das ist es manchmal auch! Am Anfang meinte einer meiner Professoren zu mir: „Brasilien ist eigentlich kein Land, es ist ein Kontinent oder die ganze Welt in einem Land.“

 

Beim zweiten Anlauf klappte es mit dem Auslandsaufenthalt
Ich habe bereits im Wintersemester 2014 am KIT angefangen, Portugiesisch zu lernen. Nach fehlgeschlagenen Praktikumsbewerbungen in Brasilien plünderte ich kurzentschlossen im Spätsommer 2015 meine Ersparnisse und flog für einen Sprachkurs nach Salvador, um das Land kennenzulernen. Die afro-brasilianische Kultur, die Menschen, die Farben und die endlose Vielfalt haben mich restlos begeistert. Mir war klar: ich möchte wiederkommen. Im Sommersemester 2017 – es war mein vorletztes Mastersemester – konnte ich mir diesen Wunsch durch eine Direktkooperation des KIT erfüllen. Die Monate März bis Juli 2017 verbrachte ich an der Universidade Federal de Santa Catarina im südlichen Brasilien in der Stadt Florianópolis.

 

Heiß begehrte Studienplätze an staatlichen Unis
Die Universität ist etwas größer als das KIT und gehört zu den staatlichen Universitäten Brasiliens, die einen exzellenten Ruf genießen. Sie wird von der Hauptstadt Brasília aus gesteuert. Das hat unter anderem die kuriose Folge, dass lediglich die Bundespolizei auf den Campus darf, alle anderen Einheiten der Polizei dürfen dies nicht. Studierende leisten einiges, um hier einen Platz zu ergattern: über 80.000 Bewerber treten jedes Jahr zu den Aufnahmeprüfungen für die knapp 6.000 Bachelor-Studienplätze an – in Medizin kommen sogar 250 auf einen einzigen Studienplatz. Das liegt daran, dass die föderalen Universitäten keine Studiengebühren verlangen und alle anderen Universitäten in Brasilien privat sind – für die meisten also unbezahlbar.

 

Kleine familiäre Kurse
Die Kurse sind an der Universidade Federal de Santa Catarina sehr klein und bestehen aus etwa zehn bis zwanzig Masterstudierenden und Doktoranden. Ich war von Anfang an sehr gut integriert, habe genauso meine Aufgaben zum Präsentieren bekommen und Arbeitspakete in den Gruppen übernommen wie meine brasilianischen Kommilitonen. Fachlich konnte ich mich hervorragend einbringen und wenn ich sprachlich mal etwas länger brauchte, hatte jeder Geduld mit mir.

 

Viele Masterstudierende haben schon einige Berufserfahrung
Viele meiner Kommilitonen verfügten bereits über fünf bis zehn Jahre Berufserfahrung und sind dann wieder an die Uni zurückgekommen, um noch einen Master oder eine Promotion zu machen. So bekam ich nebenbei auch Einblicke in die brasilianische Industrie aus erster Hand, das fand ich in den Vorlesungen sehr bereichernd. Nicht wenige arbeiteten bis zu 30 Stunden die Woche, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen oder wohnten einige Stunden entfernt und waren lediglich zwei Tage die Woche an der Uni. Das kannte ich so aus Deutschland nicht und es beeindruckte mich, was manche für ihre Bildung auf sich nehmen und was ihre Familien zum Beispiel bei der Kinderbetreuung im Hintergrund leisten.

 

Eintöniges Mensa-Essen vs. kulinarische Vielfalt Brasiliens
Anders als am KIT gibt es zahlreiche Restaurants auf dem Campus, was vielleicht auch an dem etwas eintönigen (aber sehr günstigen) Menü der Cafeteria liegen könnte: Reis und Bohnen jeden Tag, mittags und abends, auch Samstag und Sonntag. Es variiert die Fleischbeilage und das Obst zum Nachtisch.

Mittwoch war mein Lieblingstag, dann ist Markttag an der Uni: Neben frischem Obst und Gemüse, Vollkornbrot und allerlei Kunsthandwerk gibt es Mittagessen aus aller Welt zu kaufen: libanesisch, venezolanisch, mexikanisch, bahianisch (Staat im Nordosten des Landes) oder doch lieber einen veganen Burger? Alles möglich am Mittwoch.

Und wenn wir schon beim Essen sind: neben den „Churrascos“, was eigentlich nichts anderes als viel gegrilltes Fleisch ist, sind definitiv Meeresfrüchte in allen Varianten und gefüllte, frittierte Teigtaschen typisch. Ich liebe das dunkellila Açaí-Eis, dessen Hauptbestandteil aus einer Palmen-Beere in Amazônia gewonnen wird. Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig, das gebe ich zu. Und natürlich ist die Vielfalt an Früchten hier beeindruckend, nicht für alle kenne ich überhaupt einen deutschen Namen.

 

 

 

Enge Beziehungen zu KIT und Deutschland
Gerade in den Ingenieurwissenschaften sind die Beziehungen zu Deutschland sehr eng: einer meiner Professoren hat seinen Dr.-Ing. in Bremen gemacht, ein anderer hat gerade ein Forschungsprojekt mit der TU Darmstadt und sehr viele der Maschinenbaustudenten waren für ein Jahr am KIT oder an der RWTH Aachen. Deutschland genießt hier sehr großes Ansehen und ich habe so manches Paper mit mir wohl bekannten Namen als Lektüre bekommen.

 

Oktoberfest und „Rosamunde“
So viel hier über Deutschland bekannt ist, so wenig wusste ich vor meinem Aufenthalt über Brasiliens Süden: er wurde überwiegend von deutschen und italienischen Einwanderern geprägt. Im Inland, etwa zwei Stunden von Florianópolis, liegt Blumenau mit dem „größten Oktoberfest Südamerikas“ und auch das Städtchen Pomerode. Dort war ich zum Osterfest und die Dorfkapelle spielte auf: Es schallte „Rosamunde“ übers Festgelände. Sich selbst bezeichnet Pomerode als „die deutscheste Stadt Brasiliens“ – ich fand es wirklich faszinierend zu sehen, wie sehr sich dort seit über einhundert Jahren die deutschen Traditionen halten. In einigen Familien ist immer noch Deutsch die erste Sprache und nicht alles, was dort als urdeutsche Tradition gilt, ist mir überhaupt bekannt. Allerdings weiß ich nicht, ob das an der Weiterentwicklung hier in Brasilien oder in Deutschland liegt.

 

 

 

 

Ein Buddy stand mir zur Seite
Ich war mit dem Ziel nach Brasilien gekommen, mein Portugiesisch zu perfektionieren und eine andere Kultur und deren akademischen Bereich wirklich kennenzulernen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung war das Buddy-Programm des International Office der UFSC: etwa vier Wochen vor meiner Ankunft in Brasilien bekam ich wie alle anderen Internationals einen Study Buddy zugeteilt. Isadora beantwortete meine letzten Fragen vor dem Abflug, holte mich sogar vom Flughafen ab und brachte mich zu meinem Airbnb. Am Wochenende unternahmen wir dann meinen ersten Ausflug in der neuen Stadt. Sie stand mir beim Papierkram an der Uni immer mit Rat und Tat zur Seite. Es gab keine O-Phase oder Ähnliches, daher ist es mir leichtgefallen, mich von anderen Internationals etwas fernzuhalten und voll in den Unialltag meiner Gasthochschule einzubringen.

 

Unter die Einheimischen mischen
Ich fand problemlos eine Wohnung in Uninähe, die ich mit einer netten Brasilianerin teilte, statt wie viele andere Internationals an der hübschen, aber weiter entfernten Lagune zu wohnen. Außerdem meldete ich mich für einen Forró-Tanzkurs an. An zwei Abenden die Woche lernte ich mit knapp fünfzig anderen Studierenden diesen brasilianischen Tanz kennen, gelegentlich gingen wir gemeinsam zum Tanzen aus. Ende Juni konnte ich dann das Gelernte beim großen Fest São João anwenden. Ein brasilianischer Freund hat es mir mal so erklärt: „In Brasilien üben wir Februar bis Juni Forró für São João und danach bis Februar Samba für den Carnaval“. Schon Anfang Juni geht es langsam los mit den Festen der kalten Jahreszeit – tatsächlich wird es bei unter 20 Grad, Dauerregen und ohne Heizung irgendwann ungemütlich hier in Südbrasilien – inklusive Glühwein, Lagerfeuern und viel bunter Dekoration.

 

Sprachtandems: eine Win-Win-Situation
Eine weitere, mir vom KIT bereits wohlbekannte Institution, hat mir das Ankommen hier deutlich vereinfacht: ein Sprachtandem. Mit meinem Tandempartner, der ein Jahr an der RWTH studiert hat, traf ich mich wöchentlich zum Kaffee trinken und viel Deutsch und Portugiesisch reden. Neben neuen Wörtern lernte ich einiges über die Kultur, gelegentlich gingen wir auch gemeinsam mit Freunden abends etwas trinken.

 

Ein Stipendium erlaubt mehr Freiheiten
Dank meines Stipendiums des Cusanuswerks, das sogar noch um eine Auslandszulage aufgestockt wurde, sowie meiner Ersparnisse konnte ich einige Reisen unternehmen und ganz andere Städte kennenlernen. Unter anderem war ich in der Hauptstadt Brasiília, die als komplette Planstadt entworfen wurde und mit einigen Bauten moderner Architektur beeindruckt. Daneben war Rio natürlich ein Muss… Überall lernte ich nette Leute kennen, Brasilianer empfahlen mir Restaurants, luden mich ein, mit ihnen feiern zu gehen, fuhren mich mal spontan vom Busbahnhof zum Hostel oder fragten mich über Deutschland aus. Für mich sind es diese Begegnungen und Freundschaften, die meine Zeit in Brasilien zu mehr als einem Gastaufenthalt machten.

 

Brasilien hat auch viele Probleme
Bei all den schillernden Eindrücken, dem türkisblauen Meer und der Herzlichkeit, die ich erfahren durfte, gab es doch immer wieder den harten Kontrast: Momentan erlebt Brasilien eine sehr schwere politische Krise, fast alle Regierungsmitglieder stehen unter dem Verdacht, in eine riesige Geldwäsche- und Bestechungsaffäre verstrickt zu sein. Darüber hinaus ist die jahrelange Rezession immer sichtbar: eine große Anzahl Obdachloser bevölkert die Innenstädte,die Wasserschutzpolizei beispielsweise hat selten Benzin, um auszufahren und diejenigen zu erwischen, die im Naturschutzgebiet fischen.

Favelas, die Armutsviertel wie man sie aus Rio kennt, gibt es im recht sicheren Florianópolis zwar nicht, aber doch Gegenden, in die man lieber nicht gehen sollte. Daher wohnen viele Leute in sogenannten Condomínos, abgesperrten Wohnanlagen mit einem Portier rund um die Uhr oder doch zumindest meterhohen Mauern und einem gut gesicherten Eingangsschloss.

Persönlich hatte ich Glück, doch eine gute Freundin von mir wurde, als sie ihre Familie zu Hause besuchte, im Auto überfallen. Mitten in der Nacht haben die bewaffneten Diebe sie und ihren Freund angehalten, das Auto und alle Wertsachen genommen und die beiden am Straßenrand stehen gelassen. Auch das ist Brasilien.

Diese Gegensätze sind manchmal schwer zusammenzubringen. Aber ein Land, das in fünf Flugstunden nicht ganz zu überqueren ist, gut 200 Millionen Einwohner hat, Einflüsse von allen Kontinenten gesehen hat und von Regenwald, tropischen Stränden über Moore, Steppen bis hin zu Bergen alles vereint, kann man wohl auch kaum in einem Bild abbilden. Einfach wagen, Sprachkurs buchen und auf nach Brasilien!
Wen jetzt die Lust gepackt hat, dem kann ich als ersten Schritt als Vorbereitung die Sprachkurse am KIT wärmstens empfehlen. Etwa zwei Jahre reichen, um das für Brasilien nötige Sprachniveau zu erreichen. Die Sprachpraxis und das „Alltagsbrasilianisch“ erlernt man am besten durch Sprachtandems. So lernt man auch in Karlsruhe unter Umständen schon Leute von der Uni kennen, an die man dann selbst gehen möchte – oder hat sonst eine erste Anlaufstelle für einen Besuch.

Die Föderalen Universitäten verfügen über ein derart breites Lehrangebot, dass sowohl Bachelor- als auch Masterstudenten auf ihre Kosten kommen können – oftmals ist es auch möglich, zusätzlich ein oder zwei Tage die Woche in der Forschung mitzuarbeiten.

Allgemein wurde ich überall sehr freundlich aufgenommen und fühlte mich auch vom International Office meiner Gastuniversität exzellent betreut. Das Visum ist für deutsche Staatsbürger mit recht wenig Aufwand verbunden,das Studentenvisum sogar kostenfrei. Lebenshaltungskosten sind etwas niedriger als in Deutschland, schwanken aber deutlich zwischen den verschiedenen brasilianischen Städten. Die verfügbaren Erfahrungsberichte des IStO sind eine gute Quelle, um erste Infos über die verschiedenen Städte und Unis zu bekommen.

 

 

  • Zentrum Florianopolis

Montag, 20. November, 2017
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