GESICHTER, INTERNATIONAL

Internationaler Masterstudiengang „Regionalwissenschaften“ am KIT

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Jan Königshausen studierte Regionalwissenschaft und Raumplanung in einem Doppelmaster am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und an der Universidad de Concepción (UdeC) in Chile. Tu-Mai Pham-Huu hat ihn interviewt.

Fotos: privat

 

Auslandserfahrung steht bei Jan Königshausen ganz oben auf der Prioritätenliste: Direkt nach dem Soziologiestudium absolvierte er ein Volontariat in Jakarta und reiste zwei Monate durch Indonesien. Um den passenden Master für sich zu finden, recherchierte Jan sehr gründlich, denn er hatte genaue Vorstellungen von seinem Traumstudiengang: „Ich wusste, dass ich nach dem Grundstudium einem interdisziplinären Studiengang nachgehen wollte“, erinnert er sich. „Der Studiengang Regionalwissenschaften am KIT überzeugte mich und ich beschloss, mich für beide Züge zu bewerben.“ Er bewarb sich sowohl für den komplett in Deutschland stattfindenden Master als auch für den, bei dem das erste und das letzte Semester in Chile verbracht wird. Der Studiengang mit Chile-Aufenthalt sei sein klarer Favorit gewesen – allerdings habe er sich keine allzu großen Chancen ausgerechnet: „Die Anforderungen waren sehr hoch und meine Spanischkenntnisse entsprangen hauptsächlich der Universität“, erklärt er.

 


 

Die Zusage für Chile kam überraschend und schnell
Während seiner Indonesienreise trudelten die ersten Zu- und Absagen in Deutschland ein. „Fünf Tage bevor ich meine Reise in Vietnam fortsetzen wollte, für die ich schon Visa und Flug besorgt hatte, kam die Zusage für den Doppelmaster der Regionalwissenschaft am KIT“, erzählt Jan. Alles musste nun sehr schnell gehen. Das Problem: Das erste Semester fand in Chile statt. Jan musste sofort zurück nach Deutschland kommen, um einen Monat später schon nach Chile zu reisen. Da die Zusage so spontan kam, konnte er sich nicht mehr für Stipendien bewerben – erst für das vierte Semester konnte er sich um eine Förderung kümmern.

 

 

Chilenische Universitäten kosten richtig Geld
In Chile sei Bildung ein Geschäft, berichtet Jan. Wer auf die Universität gehen wolle, sollte vorher eine private, weiterführende Schule besucht haben. Die Regierungschefin, deren Karriere den Studentenprotesten entsprang, konnte zwar einige Stipendien durchsetzen, die den Ärmsten helfen sollen, nicht komplett von Bildung ausgeschlossen zu werden, jedoch sei es in der Realität sehr schwierig und sehr teuer für Chilenen, zu studieren. Im Rahmen des Doppelmasters gibt es die Einigung, dass die Universitäten des jeweiligen Landes für die Studiengebühren der ausländischen Studierenden aufkommen, beziehungsweise die Gebühren werden ihnen entlassen. „Anderenfalls wäre es uns Auslandsstudis finanziell nicht möglich gewesen, dort zu studieren“, sagt Jan.

Die hohen Geldströme in der chilenischen Bildung spiegelten sich auch am Campus wieder, so Jan weiter. Alles sei sehr pompös, begrünt, groß und geordnet. Die universitätseigene Security sei allgegenwärtig, an allem hafte die Atmosphäre von Wichtigkeit.

Ausschreitungen und Proteste bei der Ankunft
Der Aufenthalt begann mit großer Aufregung: „Als wir in Concepción ankamen, war die halbe Universität, aufgeteilt nach Fakultäten, im Streik“, beschreibt Jan seine Ankunft. „Obwohl die Polizei das Gelände der Universität nicht betreten darf, gab es viele Ausschreitungen sowie Proteste, so dass uns allwöchentlich der Geruch von Tränengas begleitete.“

Die Lebenshaltungskosten in Chile seien laut Jan vergleichbar mit denen in Deutschland. „Dabei verdienen acht von zehn Arbeitnehmern weniger als 600 Euro im Monat“, sagt er. Wer von zu Hause ausziehen könne und in WG’s im Zentrum wohne, erhalte wahrscheinlich viel finanzielle Unterstützung der Eltern. „Wenn die Familien das nicht stemmen können, wohnen die Studierenden zu Hause und fahren täglich in die Stadt“, erklärt Jan. „Folglich war es nicht einfach für mich, als Austauschstudent Anschluss an ein chilenisches Studentenleben zu finden. Meine Kommilitonen sind allesamt herzallerliebst und ich verbringe viel Zeit mit ihnen, in Chile allerdings waren sie viel mit Arbeiten und Pendeln beschäftigt, während ich direkt neben der Universität lebte und mit meinem Studentenvisa keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen durfte.“

Jan wohnte mit acht weiteren Personen in einem Haus, das hauptsächlich international besetzt war. So kam er in einen Kreis von internationalen Studierenden, die alle einen ähnlichen Lebenswandel hatten. Auch einige Chilenen waren in diesem Kreis vertreten: „Allerdings schienen sie mir wirtschaftlich besser gestellt zu sein“, ergänzt Jan.

 

 

 

 

Der größte Kulturschock: Es gab keinen!
Schwierigkeiten bereiteten Jan, neben der Sprachbarriere, die institutionellen Schranken und Hürden. „In einem anderen Land fehlen die Automatismen, auf die man zurückgreifen kann und man ist gezwungen, sehr viel zu lernen und viel Geduld aufzubringen“, sagt er. Chile sei wie jedes andere Land der Erde mit Problemen behaftet, habe aber genauso viele schöne Seiten. Man könne eine spannende Kultur entdecken, offene Menschen kennenlernen, die gerne lachen, sich aber genauso gerne beschweren. Jan resümiert: „Meiner Einschätzung nach entsprechen die Chilenen eher dem Klischeebild des Deutschen als dem des Latinos, was aber auch, je nach Klimazone in Chile, unterschiedlich zu sein scheint. Folglich war wohl mein größter Kulturschock, dass es keinen gegeben hat.“

 

 

Unberührte Natur ist Mangelware
Bedauerlich fand Jan, dass es kaum noch unberührte Natur in der Region Chiles gab, in der er sich aufhielt: „Alles ist dem Konzept der Verwertbarkeit unterstellt und die Felder sind gesäumt von Pinien und Eukalyptusbäumen, die der Papierherstellung dienen.“ Die multinationalen Forstkonzerne seien sehr mächtig und verursachen große Risiken für die gesamte Gesellschaft und das Land. „Probleme bereitete mir weiterhin, dass die Diktatur unter Pinochet scheinbar ein Tabuthema zu sein scheint und jegliche Aufarbeitung missen lässt“, sagt Jan. „Dies erzeugt meiner Meinung nach tiefe Furchen und Narben in der Gesellschaft Chiles, die sie ausräumen müssen, um in die Zukunft blicken zu können.“
Mehr Informationen zum Studiengang findet Ihr auf der Webseite des Instituts für Regionalwissenschaften.

Montag, 26. Februar, 2018
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Tu-Mai Pham-Huu

Geschrieben von: Tu-Mai Pham-Huu
Tu-Mai Pham-Huu ist Redakteurin am KIT. Sie hat Psychologie in Heidelberg studiert und an der Burda Journalistenschule volontiert.