GESICHTER

Informatik ist mehr als Programmieren

Wann entscheidet man sich eigentlich, wo die Reise beruflich hingehen soll und warum? Anja Exler, heute promovierte Informatikerin mit Mann und zwei Kindern, erlebte als Fünfjährige auf dem Schoß ihres Großvaters den entscheidenden Aha-Effekt. Beide blickten auf einen PC, Windowsversion 3.1.

Fotos: Amadeus Bramsiepe
Text: Regina Link


„Ich habe gesagt, wenn ich groß bin, mache ich auch etwas mit Computern, und alle haben gelacht“, erinnert sich die 30-Jährige. Glücklicherweise fand sie in der 8. Klasse im Informatikunterricht ihre Lehrerin faszinierend. „Ich weiß nicht, ob es an der Kombination von Informatik und Frau lag, aber ich habe gemerkt, dass ich auch als Mädchen was mit Computern machen kann, und habe gedacht, wieso nicht Informatik studieren?“ Was sich so einfach anhört, war nicht selbstverständlich in ihrer Familie, in der bisher keiner jemals einen Hörsaal von innen gesehen hatte. Anfangs schlug ihr angesichts ihrer Studienwahl Skepsis entgegen. „Mach doch lieber eine Ausbildung. Oder wenn schon studieren, dann wenigstens Medizin oder Jura, was Vernünftiges eben“, rieten Eltern und Freunde. Aber Anja Exler hatte schon immer ihren eigenen Kopf.

Ganz leicht war es am Anfang nicht. BAföG gab es nicht, das Geld daher knapp. Da half es, dass sie in Magdeburg studierte; die Mieten waren günstig, das Leben auch. Sie bekam das Kindergeld und monatlich 250 Euro von Eltern und Großeltern. Beim Master kam dann noch ein Deutschlandstipendium dazu. Statt 400 nun plötzlich 700 Euro zur Verfügung zu haben, das sei eine Riesenerleichterung gewesen, sagt sie. Dass sie erst so spät auf die Möglichkeit eines Stipendiums kam, ist für Anja Exler kein Zufall, sondern auch eine Frage der Herkunft. „Mit meinem Abi von 1,4 und mit meiner ehrenamtlichen Tätigkeit hätte ich mich sicherlich auf Stipendien bewerben können. Ich wusste aber gar nicht, dass so etwas geht und hätte wohl auch nicht den Mut gehabt, mich darauf zu bewerben“, sagt sie. Nicht zuletzt deswegen engagiert sie sich in der Initiative Arbeiterkind. „Wir ermutigen Schülerinnen und Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung dazu, als Erste in ihrer Familie zu studieren“, sagt sie. Diese Ermutigung hat sie sich selbst im Laufe ihres Studiums immer wieder bei Mentoren geholt. „Es tut gut, wenn jemand an einen glaubt“, sagt sie. Und wahrscheinlich bräuchten da Frauen noch einen extra Schubs.

Mit Augmented Reality ist es möglich, Objekte im virtuellen Raum zu bearbeiten – jederzeit, überall.

Sie selbst hat es damit inzwischen bis zum Postdoc geschafft. In ihrer Promotion, für die sie den Erna-Scheffler-Preis bekommen hat, befasste sich die Informatikerin mit Datenabfragen und -analysen über Smartphones. „Man kann über Smartphones sehr viele Daten aufzeichnen, dieses Wissen über die Nutzer wird in vielen Berufszweigen gebraucht. Ich habe versucht, diese Abfragen so zu optimieren, dass wir den Nutzer im Alltag nicht zu sehr stören“, erklärt sie. Dass Informatik nicht automatisch bedeutet, als Nerd mit dicker Hornbrille und glasigem Blick fieberhaft Codes in die Tastatur zu tippen, dafür ist Anja Exler das beste Beispiel. Nein, Informatik sei wirklich vielseitiger als man denke und habe bei weitem nicht nur mit Programmieren zu tun. Daher möchte sie auch Mädchen dazu ermutigen. „Es gibt viele Möglichkeiten, in die Informatik reinzuschnuppern“, erzählt sie und verweist auf die Girls‘-Day-Workshops, das Schnupperstudium Informatik und das Science Camp Informatik. „Ich wünsche mir, dass sich mehr Mädchen trauen, in die Informatik reinzuschauen. Glaubt an euch und habt den Mut, eure Träume umzusetzen. Scheut euch dabei nicht, um Hilfe oder Rat zu fragen.“

Montag, 27. Januar, 2020
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Regina Link

Geschrieben von: Regina Link