Valentin Mattis steht im Schutzanzug mit FFP2-Maske und Schutzvisier auf der Terasse des Seniorenheims und schaut in die Kamera.

  GESICHTER, RAUSGESCHAUT

„In der Pflege läuft sehr viel falsch“

Ein Jahr später hätte er vielleicht gezögert, aber im März 2020 wollte Valentin Mattis, Student der Wirtschaftsmathematik am KIT, einfach nur helfen. Daher folgte er einem Aufruf des Brettener Oberbürgermeisters und erlebte in einem Seniorenheim eine Welt, die er bis dato nicht gekannt hatte.

Text: Regina Link
Fotos: Maggi Scherer

Nach den Prüfungen war für Valentin Mattis wegen Corona nicht klar, wie es im Studium weitergehen würde: „Ich habe mir gedacht, bevor ich daheim herumsitze und nichts mache, versuche ich, ein bisschen was zu verbessern.“ Dass es im Brettener Altenwohn- und Pflegeheim Haus Schönblick dann aber direkt ans Eingemachte gehen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Eigentlich war er von Fahrdiensten ausgegangen, aber eine Woche nach einem massiven Corona-Ausbruch war dort Land unter. „Ich habe auf der Station die Pflege mitgemacht“, erzählt Mattis. „Die haben mich an die Hand genommen und mir gezeigt, was ich machen soll, und ich habe es einfach nachgemacht.“

Vier Wochen lang hieß das für ihn, morgens beim Aufstehen und Waschen helfen, Frühstück bringen, mittags das Essen anreichen und abends das umgekehrte Programm, das heißt umziehen, bettfertig machen und hin und wieder, soweit möglich, für ein bisschen Abwechslung sorgen. Der Zusammenprall mit der Lebenswirklichkeit älterer Menschen war maximal: „Nach der ersten Woche hatte ich keine Lust mehr, alt zu werden. Ich hatte richtig Panik, was da auf mich zukommt.“

Der Schock ließ zwar nach, aber erspart blieb ihm nichts. Während seines Aufenthalts starben 37 der rund 180 Bewohnerinnen und Bewohner, davon die Hälfte auf seiner Station. Meistens seien sie nachts gestorben, sagt er. Einmal war er selbst dabei, als eine Bewohnerin buchstäblich ihren letzten Atemzug tat. „Es war kurz nach dem Mittagessen, ich hatte ihr gerade den Mund sauber gemacht“, erzählt er. „Du schwätzt noch kurz mit ihr und dann denkst du: ‚Hey, es ist so still geworden.‘“

Für Fake-News-Kommentare hat er seither kein Verständnis mehr

„Die Lage war schon recht katastrophal, als ich im Altersheim angekommen bin“, erinnert sich Mattis. „Die Leute waren irgendwann alle coronapositiv“, glaubt er und geht davon aus, dass er selbst auch betroffen war. Aber er machte sich damals weniger um sich selbst, sondern mehr um seinen Großvater Sorgen, der mit im Haus lebt. Daher separierte sich Mattis in diesen vier Wochen vollständig von seiner Familie. Nur zu Ostern feierte er mit ihnen, aber auch das nur draußen im Garten an einem eigenen Tisch. „Cool war, dass ich im Altersheim Bekannte meines Großvaters getroffen habe und ihnen gegenseitig Nachrichten übermitteln konnte“, erzählt er.

Zu Beginn der Corona-Pandemie herrschte im Altersheim an allem Mangel. „Das lief fast alles über Spenden“, so Mattis. „Jemand hat uns Maleranzüge gespendet, die wir dann getragen haben, bis sie auseinandergefallen sind.“ Bei den Schutzmasken und den Tests sah es anfänglich nicht besser aus. „Im Nachhinein war das vielleicht doch ein bisschen riskant“, meint er zu seinem Einsatz. Aber trotzdem findet er es richtig, mitgeholfen zu haben. „Ich habe hier viel über Menschen gelernt“, sagt er. „Ich bin ein sehr zurückhaltender Mensch, die Arbeit im Pflegeheim hat mich deutlich weitergebracht.“ Zugleich hat es auch seine Sicht auf die Pflege geändert: „Ich habe jetzt den größten Respekt vor den Pflegkräften. Es ist noch sehr viel krasser, als man es sich vorstellt“, meint er und schlussfolgert: „Es kann nicht sein, dass diese Leute so schlecht vertreten werden und so wenig verdienen. In der Pflege läuft sehr viel falsch.“

Soziales Engagement mit nachhaltiger Wirkung

Trotz aller Anstrengung empfand er die Arbeit auch als erfüllend: „Es macht schon Spaß, mit älteren Leuten durch die Gegend zu kurven und ihre Geschichten anzuhören.“ Nur wenn es bei den Geschichten um den Krieg ging, so nach dem Motto „Früher war alles besser“, fand er das beängstigend. Obwohl das Corona-Geschehen eigentlich keinen Anlass zu guter Laune bot, erlebte er die Arbeitsatmosphäre als sehr offen und gelöst: „Ich habe selten so viel gelacht wie dort.“

Inzwischen ist Valentin Mattis in sein altes Leben zurückgekehrt, das bei weitem nicht nur mit Studieren zu tun hat. Gesellschaftliches Engagement begleitet ihn seit seiner Zeit im Brettener Jugendgemeinderat, ein Job, den er jungen Politikinteressierten wärmstens ans Herz legt: „Das war super, man lernt dort wirklich sehr viel.“ Inzwischen gestaltet er Bretten im Gemeinderat mit. Als SPD-Mitglied hat für ihn außerdem schon längst der Wahlkampf begonnen. Außerdem kümmert er sich neben dem Studium noch um sein Start-up, in dem er eine Sicherheits-App entwickelt hat. Aber auch den alten Leuten bleibt er treu: Seinen Lebensunterhalt verdient er sich auf Stundenbasis bei einem ambulanten Pflegedienst und mit Fahrdiensten für Ältere.

Donnerstag, 2. September, 2021
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Geschrieben von: Regina Link