CAMPUS & MEHR, STUDIUM

Gute Frage: Bietet Technikgeschichte Orientierung für die Zukunft?

Smartphone, Auto, Internet: Technik ist allgegenwärtig und wird unsere Zukunft weiter prägen. Auch und gerade angesichts der anstehenden Herausforderungen von der Energiewende bis zur Digitalisierung. Kann der Blick in die Vergangenheit helfen, die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen? Wir haben den Technikhistoriker Marcus Popplow gefragt.

Herr Popplow, bietet die Technikgeschichte eine Orientierung für die Zukunft? Hilft der Blick zurück, das Richtige zu tun?

Der Klimahistoriker Christian Pfister war sich kürzlich im Vortrag am KIT sicher: Menschen lernen nicht aus Geschichtsbüchern, leider. Umsteuern gelinge nur nach Katastrophen. Ob er recht hat, oder nicht – Denkanstöße gibt die Geschichtswissenschaft zweifellos, auch in Sachen Technik: Spektakuläres kann, wie bei mittelalterlichen Kathedralen, auch ohne wissenschaftliches Fundament gelingen. Von der Erfindung bis zur Innovation mag es, wie beim Elektroauto, durchaus ein Jahrhundert dauern. Und apropos Gute Fragen: Warum eigentlich hat die Industrialisierung im 18. Jahrhundert in England begonnen und nicht in China? Warum galt das Studium an Technischen Hochschulen so lange als reine Männersache?

Neben Stoff zum Nachdenken bietet Technikgeschichte neue Perspektiven. Allzu oft neigt man beim Thema Technik zu Schwarz-Weiß-Denken: Technik werde entweder zum Guten oder zum Bösen genutzt; Innovationsfähigkeit erfordere Begeisterung und vertrage keine Skepsis. Die Realität war und ist oft komplexer. Technikgeschichte sieht Mensch und Technik eng miteinander verflochten. So eröffnet uns Technik ständig neue Möglichkeiten und verändert uns zugleich – das zeigt nicht erst der Alltag mit dem Smartphone.

Hinzu kommt: Technik ist nie nur angewandte Naturwissenschaft. Vom Geistesblitz bis zum Schrottplatz ist sie geprägt von Werten und Emotionen. Ob man daraus für die Zukunft lernt oder nicht: Den eigenen Horizont kann Wissen um die gemeinsame Geschichte von Mensch und Technik sicherlich erweitern.

Ihr habt auch eine „Gute Frage“ zu einem Forschungsthema? Dann schickt sie gerne an clicKIT-Magazin@sek.kit.edu und wir versuchen, die richtige Person am KIT zu finden, um sie zu beantworten.

Zur Person
Marcus Popplow ist seit 2016 Professor für die Geschichte der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation am KIT. Zu den Forschungsschwerpunkten des Historikers gehören die Technikgeschichte der europäischen Vormoderne und Moderne, die Wissensgeschichte der Technik und die Geschichte des Ingenieurberufs. Seine Monografie „Technik im Mittelalter“ wurde mit dem Conrad-Matschoß-Preis des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) ausgezeichnet. Popplow ist außerdem Studiendekan an der KIT-Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften.

Portrait von Marcus Popplow.

Text: Marcus Popplow, Timo Schreck
Foto Archivaufnahme: Courtesy of AT&T Archives and History Center Foto Picturephone (1964): Courtesy of AT&T Archives and History Center
Foto Marcus Popplow: Laila Tkotz, KIT

Donnerstag, 7. April, 2022
  CAMPUS & MEHR, STUDIUM


Geschrieben von: Timo Schreck