INTERNATIONAL, STUDIUM

Ein Lied von Eis und Feuer

„Ein Lied von Eis und Feuer“ ist nicht nur der Titel der Buchtreihe, auf der die Erfolgsserie „Game of Thrones“ basiert. Er beschreibt treffend die Naturgewalten, die bis heute die Landschaft Islands prägen, die in der Tat auch mehrfach als Kulisse der Kultserie und anderer Blockbuster diente. Und als Ziel einer Exkursion von Masterstudierende der Angewandten Geowissenschaften.

Fotos: Tim Genssle, Alexander Jenett, Agnes Kontny, Jörg Meixner, Ruben Stemmle
Text: Valentin Goldberg

Die Kräfte, die unsere Erde formten und noch immer in ihr schlummern, kann man in Deutschland heute nur noch erahnen – in Island kann man sie jedoch noch erleben. Um die geologischen Prozesse hinter der Entstehung der Insel im Nordatlantik zu verstehen, die enormen geothermischen Potentiale zu erleben und deren energetische Nutzungsmöglichkeiten zu sehen, machten sich 24 Masterstudierende der Angewandten Geowissenschaften unter Leitung von Agnes Kontny, Jörg Meixner und Thomas Kohl auf den Weg in den hohen Norden.

Ausgangspunkt der Exkursion war die Hauptstadt Reykjavik, von wo aus die Gruppe zunächst den Südwesten der Insel erkundete. Einer der ersten Stopps war das Hochtemperaturgebiet Gunnuhver im Reykjanes-Vulkansystem. Direkt beim Verlassen des Busses steigt schwefelhaltiger Dampf in die Nase und von weitem sieht man schon den Dampf über den Exhalationen. Der Boden auf dem Weg zu den Quellen schillert in bunten Farben. Die Hitze aus dem Erdinneren und die Chemie des Wassers haben zu verschiedensten chemischen Umwandlungen und Mineralausfällungen geführt. Bei den Schlammquellen kocht das Wasser an der Oberfläche. Es lässt sich erahnen, welche Energie bereits kurz unter der Oberfläche steckt. Beim Besuch des anliegenden Geothermiekraftwerks wurde die Nutzung dieser Energie aufgezeigt. Durch eine hocheffiziente Kaskadennutzung wird der heiße Dampf zur Stromerzeugung genutzt.  Das warme „Abwasser“ wird vielseitig genutzt. Zum einen dient es dem Betrieb des Thermalbades und Touristenmagneten „Blue Lagoon“. Zum anderen ergeben sich weitere Nutzungsmöglichkeiten wie z.B. Fischaufzuchtstationen. Eine umfassende und nachhaltige Nutzung der regenerativen Energiequelle steht dabei immer im Zentrum der Kraftwerksbetreiber.

  • Erste Feldübung und Geländeaufnahme auf der Halbinsel Reykjanes. (Foto: Jörg Meixner)

Das Zusammenspiel von geothermischen Energiequellen und deren energetische Nutzungsstrategien waren eines der Hauptthemen dieser Exkursion. Aufgrund der einzigartigen geologischen Gegebenheiten gelingt es den Isländern, ihre Energie zu 100  Prozent regenerativ herzustellen. Dabei stammen 73 Prozent der Energie aus Wasserkraft, 27 Prozent aus Geothermie.

Ein weiterer Fokus lag natürlich auf der einzigartigen Geologie Islands. Auf der Brücke „Leif the Lucky Bridge“ auf der Reykjanes-Halbinsel hatten die Studierenden die Möglichkeit, vom nordamerikanischen auf den eurasischen Kontinent zu wandern. An dieser Stelle ist der mittelozeanische Rücken als Grabenbruch erschlossen, da die Kontinente sich mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von zwei Zentimetern pro Jahr voneinander wegbewegen. Dass die divergierenden Plattengrenzen auf Island an der Oberfläche zugänglich sind, liegt daran, dass die Insel in einem Gebiet mit hoher Magmenproduktion liegt. Neben dem mittelatlantischen Rücken fördert der Island-Mantel-Plume heiße Gesteinsschmelzen von der Kern-Mantel-Grenze bis an die Oberfläche. Aus dieser einzigartigen geographischen Lage resultiert das hohe energetische Potential im Untergrund Islands.

Auf den Spuren Angela Merkels besuchte die Gruppe das Hellisheidi-Geothermiekraftwerk, das die Kanzlerin exakt eine Woche zuvor besucht hatte. Neben der Energiegewinnung wird in diesem Kraftwerk auch CO2 aus den geothermischen Dämpfen gefiltert und dauerhaft wieder im Untergrund gespeichert. Am darauffolgenden Tag bekam die Gruppe lokale Unterstützung eines Geologen des Kraftwerkteams, der bei einer sechsstündigen Wanderung durch das Nesjavellir- und Hellisheidi-Geothermiefeld die Geologie hinter der Energiegewinnung erklärte. Flüsse mit etwa 45 Grad Celsius Wassertemperatur bahnen sich ihren Weg in die Täler, eingerahmt von dampfenden Fumarolen und Solfataren. In den kochenden Tontöpfen sieht man eindrücklich, wie Hitze, Dampf und Fluide das ursprünglich basaltische Vulkangestein in zähflüssige Tonsedimente zersetzen.

Nach der Erkundung des Südwestens der Insel ging es weiter in das Naturschutzgebiet Landmannalaugar, das im südlichen Hochland an der aktiven östlichen Vulkanzone liegt. Hier prägen der Einfluss des Torfajökull-Vulkansystems sowie glaziale Überprägungen das Landschaftsbild. Bunte Gebirgszüge sind durchschnitten von breiten, ehemaligen Gletschertälern und deren Ablagerungen. Direkt bei Landmannalaugar hat sich ein Lavastrom seinen Weg in ein altes Gletscherbett gebahnt und dort wo einst meterhohes Eis lag schwarzes Vulkanglas – Obsidian – hinterlassen. Geothermie zum Erleben gab es direkt vor einer Hütte in dem Naturschutzgebiet. Ein warmer, dampfender Bach gibt den Wanderern hier die Möglichkeit, sich von den Strapazen der Reise zu erholen. Als ob das nicht schon genug sei, zeigte Island sich dort von seiner schönsten Seite und präsentierte in dem Bergpanorama rote und grüne Polarlichter, welche die Studenten aus dem dampfenden Bad aus beobachten konnten.

  • Eine gerade fertig gestellte Bohrung des Hellisheidi-Geothermiekraftwerks wird auf ihre Leistung getestet. Hier treten 6 MW geothermische Leistung in Form von heißem Wasser und Wasserdampf aus dem Untergrund. (Foto: Jörg Meixner)

Nach diesem einzigartigen Erlebnis ging es weiter in den Norden der Insel. Dafür durchquerte die Exkursionsgruppe abseits der Touristenstraßen das isländische Hochland. Ehemalige Vulkanausbrüche, welche später von einem bis zu 1000 Meter mächtigen Eispanzer überlagert wurden, hinterließen hier eine düstere und nahezu menschenleere Wüstenlandschaft. Die Fahrt erfolgte über unbefestigte Straßen und durch mehrere Furten von Gletscherbächen. Spurlos ging das nicht an dem Exkursionsbus vorbei. Bei einer Flussdurchquerung verklemmte sich ein Stein zwischen der Doppelbereifung des Busses und sorgte für eine zweistündige Zwangspause bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, bis der Stein wieder entfernt werden konnte. Mit leichter Verspätung wurde das Ziel im Norden, der Fischerort Husavik, schlussendlich erreicht.

Hier konnten wir beobachten, wie der Mittelozeanischen Rücken, welcher auf der Reykjanes-Halbinsel an die Oberfläche tritt, wieder im Ozean verschwindet. In diesem Gebiet trainierten bereits die Astronauten der ersten Mondmission für die geologische Probennahme. Wie uns der ortsansässige Orly Orlyson erklärte, welcher in Husavik das Explorationsmuseum betreibt, fiel es der NASA zu Beginn schwer, das Interesse für Geologie in den Astronauten zu wecken. Dies änderte sich mit einer Exkursion nach Island. In der einmaligen Landschaft erlebten die Astronauten die lebendige Geologie vor Ort und waren teilweise so begeistert, dass sie noch mehrfach an den Ort dieser „Trainingseinheit“ zurückkehrten.

  • Der Obsidian-Lavastrom bahnt sich seinen Weg in ein ehemaliges Gletscherbett vor dem Bergpanorama im Naturschutzgebiet Landmannalauga. (Foto: Tim Genssle)

Dieses Fazit lässt sich auch für die Gruppe der Studenten ziehen. Die Landschaft in Island sucht ihres gleichen und bietet eine einzigartige Gelegenheit verschiedenste Naturphänomene zu beobachten. Mittelozeanische Rücken, welche sonst, wie der Name schon sagt, nur in der Mitte des Ozeans unter einer tausende Meter mächtigen Wassersäule zu finden sind, liegen hier an der Oberfläche. Aktive Vulkane zeigen noch heute, welche Kräfte einst die Insel aus dem Meer hoben und die Gletscher wie sie später wieder eingeebnet wurden – ein Lied von Eis und Feuer.

Montag, 11. November, 2019
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