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ACCESS@KIT – Zentrum für digitale Barrierefreiheit und Assistive Technologien

Ein Studium ohne Barrieren – auch für Studierende mit Blindheit und Sehbehinderung? Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hilft das Zentrum für digitale Barrierefreiheit und Assistive Technologien oder kurz: ACCESS@KIT. Es ist ein in Deutschland einzigartiges Institut. Bisher war es als Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) bekannt. Der neue Name spiegelt die vielfältigen Service- und Forschungsaktivitäten des Zentrums wider.


Text: Almut Ochsmann
Fotos: Andrea Fabry


Wer studiert, erhält Zugang zu Neuem. Man lernt neue Menschen kennen, neue Orte, neue Gedanken und neue Inhalte, man erlangt neues Wissen. Um Studierenden, die sehbehindert oder blind sind, diesen Zugang zu erleichtern, gibt es Assistive Technologien, also Systeme für Menschen mit Behinderung. Beispielsweise helfen Screenreader, die Menschen mit Blindheit Texte und Webseiten vorlesen oder die sogenannte Braille-Zeile, die Texte in Blindenschrift umsetzt. Am Zentrum für digitale Barrierefreiheit und Assistive Technologien gibt es außerdem ein Display, das Texte und Grafiken mit Braille-Punkten darstellen kann. Ein spezielles Druck-Labor ermöglicht 3D-Druck für besonders herausfordernde Modelle wie zum Beispiel komplexe Moleküle in der Chemie.


Aber auch in der digitalen Welt gibt es noch viele Barrieren, hinter denen Menschen mit Blindheit zurückbleiben: Wenn etwa Bilder auftauchen, kann der Screenreader nichts vorlesen. Rainer Stiefelhagen, Leiter des ACCESS@KIT, arbeitet mit seiner Forschungsgruppe an automatisierter Bilderkennung. Für maschinelles Sehen gibt es eine große Bandbreite von Anwendungsmöglichkeiten: Navigationshilfen für sehbehinderte und blinde Menschen, Bilderkennung in Videos oder auch im medizinischen Bereich. Derzeit werden auch am KIT kleine tragbare Geräte entwickelt, die bei der Orientierung im öffentlichen Raum helfen. An Brille oder Brust angebracht, erkennt ein Mini-Computer mit einer Kamera mögliche Hindernisse. Er warnt vor im Weg stehenden Fahrrädern und erkennt Zebrastreifen, Pfosten oder Eingangstüren.


In Karlsruhe nutzen rund 35 Studierende mit Sehbeeinträchtigung die Angebote von ACCESS@KIT. Die MINT-Fächer sind für diese Studierenden meist schwierig, wegen der Formeln, Grafiken und Modelle. Oft sind auch schlecht lesbare Schriften ein Problem. Bis zu zwanzig Tutorinnen und Tutoren bereiten Materialien daher so auf, dass die Studierenden selbst oder ein Computer sie lesen können. Das Team von ACCESS@KIT bemüht sich, für jedes auftretende Problem möglichst schnell eine Lösung zu finden. Karin Müller, die stellvertretende Leiterin des Zentrums, findet das sehr spannend: „Oft entstehen im Austausch mit den Studierenden ganz neue Ideen, die dann weiterentwickelt werden.“

Assistive Technologien erleichtern nicht nur den Zugang zu digital vorliegenden Informationen, sondern sind auch Alltagshelfer für unterwegs. Student Stefan Scheiffele und Karin Müller, stellvertretende Leiterin von ACCESS@KIT, testen ein tragbares Gerät. (Foto: Andrea Fabry)


Der Informatik-Student Stefan Scheiffele beispielsweise ist blind. Er studiert wegen des ACCESS@KIT in Karlsruhe. Ein großes Glück war es für ihn, seine Bachelor-Arbeit im Rahmen der Forschungsprojekte des Zentrums zu schreiben. Für ein taktiles Display mit Braille-Punkten hat er eine neue Software programmiert, mit der Menschen mit Blindheit schnell und selbstständig mathematische Funktionen ertasten können.


Das ACCESS@KIT und die von Rainer Stiefelhagen geleitete Forschungsgruppe „Computer Vision for Human Computer Interaction Lab“ werden 2023 gemeinsam in neue, barrierefrei zugängliche Räume in einem Neubau am Adenauerring umziehen. Mit einem Reallabor zum Thema digitale Barrierefreiheit und Assistive Technologien, bei dem auch das Testfeld „Barrierefreier Campus“ eingerichtet wird, ist das Zentrum ein Teil des Zukunftskonzepts des KIT. Zwei neu eingerichtete Professuren verstärken die Forschung: Eine für „Mensch-Maschine-Interaktion und Barrierefreiheit“ und eine für „Architecture and intelligent Living“. Damit kann das ACCESS@KIT die Barrierefreiheit am KIT weiter voranbringen.

Donnerstag, 17. Februar, 2022
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Geschrieben von: Gastautor