STUDIUM

Zweite Runde fürs Studieren à la „Do it!“

Ziel der „Do it!“-Projekte der Stuttgarter Agentur mehrwert gGmbH ist es, soziales Lernen zu fördern. In Kooperation mit Universitäten bieten sie Studierenden Einblicke in neue Lebenswelten. Auch am Institut für Arbeitswissenschaft und Betriebsorganisation (IFAB) tut man es seit dem letzten Wintersemester: Nina Setzler hat sich schlau gemacht.

Text: Nina Setzler
Fotos: Patrick Langer

„Unser Projekt ist insofern neu, als es über das soziale Lernen hinausgeht und ingenieurwissenschaftliche Kompetenzen miteinbezieht“, erklärt Projektleiter Fabian Ries vom IFAB. Aufgrund verschiedener kultureller Hintergründe der sechs Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer entstanden drei gemischte Teams. „Manche ausländische Studierende tun sich natürlich mit der deutschen Sprache schwer. Am Ende konnten aber alle neue Erfahrungen machen und die im Studium erworbenen Kompetenzen in der Praxis anwenden – das hat man als Student ja auch nicht so häufig“, findet Fabian Ries.

Studi-Teams optimieren Arbeitsprozesse
In der Hagsfelder Werkstätten und Wohngemeinschaften Karlsruhe gGmbH (HWK), einem Arbeitgeber für Menschen mit Behinderung, bearbeiteten die drei Teams jeweils ein Projekt: Die erste Gruppe beschäftigte sich damit, die Montage eines Pfefferspray-Deckels zu vereinfachen. Die Handhabung war zuvor für viele Beschäftigte schwierig, da die Handgriffe viel Feinmotorik erforderte. Die zweite Gruppe verbesserte die Sicherheit bei der Abfüllung von Schmieröl an einer schwer dosierbaren Anlage. Und die dritte Gruppe optimierte die Funktionsüberprüfung fertiger Heißklebepistolen.
Ein Einführungsworkshop vermittelte den sechs Studierenden Wissen über grundlegende Themen wie beispielsweise Universal Design. Eine zentrale Anforderung des Projekts sei es gewesen, Produkte und Systeme so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen sie nutzen könnten, so Projektleiter Fabian Fries. Zusammen mit Mitarbeitern der Hagsfelder Werkstätten wurden auch Fragen zum Umgang mit Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung besprochen. Den Begriff „Behinderte“ vermeidet man allerdings in den Hagsfelder Werkstätten und spricht stattdessen von „Beschäftigten“.

Technisches Wissen in die Praxis umsetzen
Svenja Feigl studiert Maschinenbau mit Schwerpunkt Thermische Turbomaschinen und Strömungslehre und war Teil des Teams, das die Montage des Pfefferspray-Deckels vereinfachte. „Ich habe beim Projekt mitgemacht, weil es mir die Möglichkeit bot, mein technisches Wissen in die Praxis umzusetzen und mich damit auch sozial zu engagieren, indem ich den Menschen ihrem Arbeitsalltag erleichtere“, sagt sie. Die Zusammenarbeit mit den Hagsfelder Werkstätten bewertet sie positiv: „Der Werkstattleiter stand uns immer mit Rat und Tat zur Seite, in Diskussionen wurde dafür gesorgt, dass wir zusammen das bestmögliche Ergebnis erarbeiten konnten.“ Leider wurde das Projekt, an dem sie gearbeitet hat, überraschend nicht verlängert. „Das war etwas frustrierend, aber letztendlich war das nicht vorherzusehen. Dafür konnte die Werkstatt nichts. Ich nehme aus diesem Lehrformat dennoch viele neue Erfahrungen mit“, erzählt sie. „Angefangen von den ersten Ideen, die durch zahlreiche Diskussionen im Team und mit der Werkstatt weiterentwickelt wurden, haben wir wirklich den ganzen Prozess durchlaufen. Zum Schluss haben wir ein Ergebnis erreicht, mit dem man den Beschäftigten der Werkstatt die Arbeit erleichtern konnte. Die Arbeit als internationale Studentengruppe war nicht immer einfach, hat aber letztendlich dennoch super funktioniert und viel Spaß gemacht.“

Arno Hatscher, Gruppenleiter Hagsfelder Werkstätten (HWK), Björn Jahnke, Student am KIT, Sascha Trapp, Mitarbeiter HWK, Horst Lang, Betriebsstättenleiter Fertigung, Svenja Feigl Studentin am KIT und Fabian Ries, Projektleiter KIT (v.li.).


Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Björn Jahnke studiert Maschinenbau mit Schwerpunkt Mensch, Organisation, Technik und optimierte im Team den Arbeitsablauf der Ölabfüllanlage in der Werkstatt. „Um den Verbesserungsbedarf am Arbeitsplatz zu ermitteln, haben wir die Beschäftigten bei der Arbeit gefilmt und interviewt“, erläutert er. Viele hatten Verspannungen, nachdem sie längere Zeit an der Maschine gearbeitet haben. Zudem war das Dosieren mithilfe eines Hebels schon für Menschen ohne Behinderung nicht einfach. „Unser Ziel war ein Arbeitsplatz, der feinmotorische Arbeiten vermeidet, keine körperlichen Beschwerden verursacht und für möglichst viele Menschen nutzbar ist“, so Björn Jahnke. Die Anlage toleriere jetzt viel mehr Fehler: Die Flasche wird gegen einen Anschlag geschoben und füllt sich automatisch.
„Die Zusammenarbeit mit den Hagsfelder Werkstätten war auf Augenhöhe; ich fühlte mich weniger wie ein Student, sondern eher so, als ob ich für ein Ingenieurbüro arbeite. In ein paar Monaten soll unsere Entwicklung gebaut werden, das ist ein tolles Gefühl“, resümiert er. „Nach meinem Abschluss möchte ich gerne wieder im Bereich Arbeitsorganisation arbeiten, an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik. Etwas Pech hatte ich bei der Kommunikation mit meiner Teamkollegin, die kaum deutsch oder englisch sprach, aber das Projekt war toll, um Hemmungen im Umgang mit behinderten Menschen abzubauen. Die Leute in den Werkstätten waren viel offener und herzlicher als gedacht. Meine Kommilitonin Svenja hat sogar einen Heiratsantrag bekommen!“

Begeistert war auch Horst Lang, Betriebsstättenleiter Fertigung in der Betriebsstätte Hagsfeld 2 der Hagsfelder Werkstätten und Wohngemeinschaften Karlsruhe gGmbH: „Die Zusammenarbeit war bereichernd und fachlich auf hohem Niveau. Die Studierenden des KIT bewiesen dabei ein feines Gespür für die Belange der Beschäftigten und nahmen deren Erwartungen und Bedürfnisse in die Planung auf“, lobt er die Studierenden. „Bei der Neugestaltung der Ölabfüllungsanlage wurden Umweltschutz, Arbeitssicherheit, Ergonomie und Prozessoptimierung berücksichtigt. Mit ihrer offenen Art und dem theoretischen Wissen konnten die Studierenden ein umsetzungsreifes Konzept verwirklichen. Das Ergebnis ist nicht nur eine technische Lösung, sondern auch ein hochwertiger Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung.“

Neuer Projektstart im Wintersemester

Die Studierenden führten Arbeitsanalysen durch und sprachen mit den Menschen, um Einblicke in deren Probleme zu bekommen. „In der Mitte des Semesters wurde dann Zwischenbilanz gezogen und es fand ein Austausch über Beobachtungen und Ideen zur Umgestaltung statt“, erzählt Fabian Ries. Außerdem gab es hier die Möglichkeit zur Reflexion zwischenmenschlicher Erfahrungen, die durchweg positiv ausfielen.
Gegen Ende des Projekts arbeiteten die Studierenden konkrete Lösungen aus und fertigten CAD-Modelle und detaillierte Skizzen zur Neugestaltung der Arbeitsplätze an. Zwei der drei Entwürfe setzten die Hagsfelder Werkstätten um, für den dritten gibt es noch keine neuen Aufträge. Das erfolgreiche „Do it!“-Projekt soll im kommenden Wintersemester erneut am IFAB angeboten werden, verrät Projektleiter Ries. „Wir gehen davon aus, dass dann wieder neue, spannende Projekte auf uns warten.“

Montag, 17. Juli, 2017
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