STUDIUM

„Wir scheuen das Risiko nicht“

Mit rund acht Millionen Euro aus dem Qualitätspakt Lehre förderte der Bund seit 2012 das Projekt LehreForschung am KIT. Beim Campustag LehreForschung am 14. Oktober blicken die Akteure zurück. Und stimmen sich ein auf die zweite Förderphase: Für vier Jahre fließen wieder knapp zehn Millionen Euro in das Folgeprojekt LehreForschung-Plus. Klaus Rümmele hat mit Vizepräsident Alexander Wanner über das Projekt und den Campustag gesprochen.

Fotos: Andrea Fabry, Markus Breig 

 

Herr Wanner, die erste Phase des Projekts LehreForschung geht zu Ende, am 14. Oktober ziehen Sie und Ihre Mitstreiter Bilanz. Ein Ziel war es, forschungs- und problemorientiert zu lehren. Wie fällt Ihr Fazit aus?
ALEXANDER WANNER:
Die Teilprojekte, in denen neue Lehrformen entwickelt und umgesetzt wurden, haben zum größten Teil hervorragend funktioniert. Diese Ansätze sind in vielen Fällen mittlerweile auch in das Curriculum integriert. Noch wirken sie kaum in andere Institute und KIT-Fakultäten, wo es keine Teilprojekte gab, hinein. In der zweiten Phase gehen wir genau das an.

Forschungsorientierte Lehre ist ein zentraler Anspruch des KIT. Ist in der ersten Phase klarer geworden, wofür der Begriff steht?
WANNER:
Ja. Das war unter anderem von Vorteil für die Systemakkreditierung, die das KIT 2014 erhalten hat. Es war klar, dass das KIT als forschungsstarke Einrichtung forschungsorientierte Lehre anbieten und ausbauen will – aber nicht jeder hatte die gleiche Vorstellung davon. Heißt forschungsorientierte Lehre nur, dass Studierende bei ihren Abschlussarbeiten forschen? Oder gibt es auch andere Ausprägungen und Elemente, in früheren Stadien des Studiums? Die Akteure in den hochschuldidaktischen Teilprojekten unter Federführung der Personalentwicklung und beruflichen Ausbildung (PEBA) haben sich damit intensiv auseinandergesetzt. Ein Ergebnis ist das Leitbild zur forschungsorientierten Lehre am KIT, in das viele ihre Tätigkeit einordnen. Das hilft gerade auch neu berufenen Professorinnen und Professoren oder Lehrenden aus dem Großforschungsbereich. Mehr als 900 Lehrende haben in den vergangenen Jahren an den Teilprojekten von PEBA teilgenommen.

 

clicKIT Beiträge zum Projekt aus den Ausgaben 5/2015, 1/2016 und 2/2016

 

WANNER: Die Akteure im Projekt treffen sich regelmäßig. Und gerade, als wir den Fortsetzungsantrag erarbeitet haben, ging es um eine Standortbestimmung – was ist gut gelaufen, was nicht. Da haben wir auch die Studierenden intensiv eingebunden und mit ihnen unter anderem diskutiert, warum es sinnvoll ist, Pilotprojekte zu fördern, auch wenn diese zunächst nicht für alle Studierenden sicht- und erlebbar werden – besonders dann, wenn man besonders innovativ sein will. Wir konnten den Konsens finden, dass es sich lohnen kann, viel Geld in eine neue Lehrveranstaltung zu investieren, die zunächst nur 20 Studierende besuchen können. Wenn wir zusätzliche Mittel für die Lehre bekommen, dürfen wir das Risiko nicht scheuen, sondern müssen neue Dinge testen. Den Anspruch, sie ohne eine externe Förderung zu verstetigen und einer größeren Zahl von Studierenden zugänglich zu machen, geben wir damit nicht auf.

 

Gab es auch Feedback zu einzelnen Teilprojekten?

WANNER: Sehr positives. Die Lehrveranstaltungen erzielen in den Evaluationen gute Ergebnisse, mehrere Teilprojekte sind mit dem Fakultätslehrpreis ausgezeichnet worden. Sehr bekannt geworden ist der MOOC gegen chronisches Aufschieben, der im Umfeld der Teilprojekte entstanden ist. Das sind vorzeigbare Erfolge. Zudem war der Prozess sehr gut, der zu dem erfolgreichen Fortsetzungsantrag geführt hat. Da haben alle mitgemacht und gemeinsam überlegt, wie wir das Projekt auf eine höhere Stufe stellen, wie wir Kontinuität und Weiterentwicklung sicherstellen können.

 


Programm Campustag LehreForschung

14. Oktober 2016, 9:00 Uhr bis 16:00 Uhr, Tulla-Hörsaal & Foyer (Geb. 11.40)

 

 

Ein wichtiger Aspekt von LehreForschung-Plus am KIT, der nächsten Förderphase, ist eine noch stärkere Interdisziplinarität. Worum geht es da?
WANNER:
Es kann sehr hilfreich und fruchtbar sein, dass man Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen in einer Lehrveranstaltung zusammenbringt, wie es zum Beispiel im Studienprofil „Internet und Gesellschaft“ geschieht. Hier werden Lehrveranstaltungen und Lehrformate fakultätsübergreifend entwickelt. Was wir auch brauchen und fördern wollen, ist ein disziplinenübergreifendes Verständnis für die beiden Herausforderungen, vor denen wir nach dem Ende der Förderung stehen: Wie können die Teilprojekte, die dann kein Geld aus diesem Topf mehr bekommen, in die Praxis überführt werden und von selbst weiterlaufen? Und das zweite ist: Wie können Lehrende am KIT von diesen Best Practice-Beispielen profitieren, auch wenn sie selbst kein Teilprojekt umgesetzt haben? Dafür müssen sie sich fragen, wie sie eine Lehrveranstaltung, die in einem anderen Fach funktioniert hat, auf ihre Disziplin übertragen können. Ein Selbstläufer ist das nicht. Das zu organisieren, ist eine große Aufgabe – eventuell können wir diesen Prozess durch KIT-interne Anreize verstärken.


Ein anderer Aspekt im Fortsetzungsantrag ist Innovation – wollen Sie das Bewusstsein der Studierenden dafür schärfen, dass sie das Gelernte anwenden, um Neues zu schaffen?
WANNER: Ja, wir wollen unternehmerisches Denken fördern. In vielen unserer Disziplinen spielt der Weg von der Anwendung zum Produkt schon jetzt eine große Rolle. Die Themen Forschung und Innovation sind an diesem Punkt nicht leicht zu trennen – das zeigt sich zum Beispiel bei der Produktentwicklung. Sich zu überlegen, wie man das noch besser machen kann, ist Teil des Projekts in der zweiten Phase.


Wird es auch in der zweiten Phase wieder Wahl- und Pflichtveranstaltungen unter den Teilprojekten geben?
WANNER: Ja, es gibt beides. Die größere Herausforderung besteht sicher in forschungsorientierter Lehre für viele Studierende in Pflichtveranstaltungen. Dabei dem oder der Einzelnen gerecht zu werden, ist nicht einfach.


Viele Teilprojekte stärken Qualifikationen über das Fach hinaus. Sind sie damit auch eine ideale Ergänzung zum Bachelor- und Master-Modell, das im Ruf steht, die Studierenden in ein Korsett zu zwängen?
WANNER: Forschungsorientiert Lehren und forschendes Lernen sollen das Studium nicht verlängern. Es ist nur der Weg, mit dem wir die Studierenden darin fördern, Fragen zu stellen, Probleme zu suchen und systematisch zu lösen, und das in einer Lebensphase, die die Studierenden prägt. Es geht dabei nicht um eine Ergänzung und Verlängerung des Studiums, sondern um seine Gestaltung und Ausprägung.
Das Korsett unserer Studiengänge ist nicht so eng, wie viele offenbar meinen. Nehmen Sie die vielen Studierenden, die in Hochschulgruppen aktiv sind. Es ist toll, wie sie sich engagieren und wie sie sich ganz einfach die Zeit nehmen, um ihr Studium durch zusätzliche Aktivitäten zu bereichern. Wir haben am KIT keine Verschulung des Studiums, es gibt wenig Anwesenheitspflicht, und Sitzenbleiben gibt es auch nicht. Mein persönlicher Rat: Die Studierenden sollten sich nicht unter zu großen Zeitdruck setzen. Auch Personalchefs schauen nicht nur auf Tempo und Noten.


Es kann aber auch anders gehen?
WANNER: Ja, sicher. Nehmen Sie die vielen Studierenden, die in Hochschulgruppen aktiv sind. Es ist toll, wie sie sich engagieren. Es gibt also viele Gegenbeispiele dafür, dass die Zeit zu knapp ist. Wir haben am KIT die Verschulung nicht mitgemacht, es gibt wenig Anwesenheitspflicht, Sitzenbleiben gibt es nicht. Mein persönlicher Rat: Die Studierenden sollten es nicht locker angehen, aber wenn es einen Grund gibt, dass das Fachstudium länger geht, zum Beispiel bei denen, die sich derzeit stark für Flüchtlinge engagieren, dann ist das völlig in Ordnung. Auch für Personalchefs sind nicht nur Tempo und Noten relevant.


Die Podiumsdiskussion beim Campustag LehreForschung dreht sich um das Spannungsverhältnis zwischen Grundlagenwissen und Forschungsorientierung. Wie bewerten Sie es?
WANNER: Diese Frage wird immer wieder kontrovers diskutiert. Für mich besteht die langfristige Perspektive durchaus darin, dass Studierende Forschungsprojekte selbstständig planen, umsetzen und reflektieren können. Aber gerade zu Beginn des Studiums bedeutet forschungsorientierte Lehre auch und in erster Linie: Die Studierenden sollen die Möglichkeit erhalten, eine forschende Haltung zu entwickeln. Wir vollen von Anfang an nicht nur Methoden- und Problemlösungskompetenzen fördern, sondern auch die Neugier und den Spaß an aktuelle Forschungsthemen und das kritische Hinterfragen.

Montag, 25. Juli, 2016
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Klaus Rümmele

Geschrieben von: Klaus Rümmele
Klaus Rümmele hat über Text-Bild-Beziehungen promoviert und ist am KIT verantwortlich für Internationale Kommunikation.