ARBEITSWELT, GESICHTER, RAUSGESCHAUT

„Was ich tue, soll Sinn ergeben“

Ihr Anfahrtsweg ist idyllisch und ihr Arbeitsort auch: Seit März kurvt die YIN- und KIT-Alumna Stefanie Betz dreimal pro Woche von Freiburg hoch zum Schwarzwaldort Furtwangen, um an der dortigen Hochschule Sozioinformatik zu lehren.

Foto: Hochschule Furtwangen
Text: Regina Link


Sie hätte auch als Associate Professor nach Schweden gehen können. Süddeutschland war ihr dann aber doch lieber. Wegen der Familie, aber auch weil in Freiburg wo sie seit kurzem mit Mann und Tochter lebt – Kultur und Natur satt vor der Haustür zu finden sind. Die Informationswirtin will in ihrer Forschung herausfinden, wie gesellschaftliche Auswirkungen von Softwaresystemen schon beim Design berücksichtigt und optimiert werden können. „Es geht darum, Nachhaltigkeit und Softwareentwicklung zusammenzubringen. Im Bereich Produktion und Logistik wird das schon viel gemacht, aber bei der Softwareentwicklung ist das relativ neu“, erklärt sie. Warum das wichtig sein könnte, erläutert Stefanie Betz am Beispiel der Wohnungsvermittlungsplattform airbnb. Die eigentlich tolle Idee, günstig private Unterkünfte zu vermitteln, hat sich in kurzer Zeit zu einem Geschäftsmodell mit erheblichen Folgen für den gesamten Wohnungsmarkt entwickelt. Überteuerte Wohnungen in Großstädten haben am Ende sogar die Gesetzgeber auf den Plan gerufen. Zwar lassen sich solche Folgen nicht immer voraussehen, räumt die Fachfrau ein, jedoch gehört es für sie auf jeden Fall dazu, sich von Anfang an damit zu befassen. Den Begriff „nachhaltige Softwareentwicklung“ fasst Stefanie Betz dabei weit: „Es geht um das Individuum genauso wie um die ganze Gesellschaft und umfasst Aspekte wie Gesundheit, Privatheit, Zugang zu Informationen, Kommunikation, Vertrauen, dann aber auch ökologische oder technische Nachhaltigkeit oder nachhaltige Geschäftsmodelle.“ Alles hängt mit allem zusammen. Klingt kompliziert, scheint aber nötig, wenn man an das Beispiel airbnb denkt.

Im Establishment angekommen
Nicht nur das Forschungs- und Lehrthema von Stefanie Betz ist neu, auch ihre Position: Nach einigen Jahren als Nachwuchswissenschaftlerin mit unklarer Perspektive ist die Professorin Betz nun im Hochschul-Establishment angekommen. Das fühlt sich anders an: „Hätte ich nicht gedacht“, meint sie. „Plötzlich ist man unter seinesgleichen, das ist schon etwas anderes.“ So ganz unter ihresgleichen ist sie streng genommen, nicht: In der Informatik ist Betz die einzige Professorin unter 14 Männern, aber sie gehört eben dazu. Zuvor am KIT konnte sie zwar als Nachwuchsgruppenleiterin und Inhaberin eines Margarete von Wrangell-Habilitationsstipendiums eigenständig schalten und walten, schwebte aber organisatorisch zwischen Baum und Borke. Und das verband sie mit den anderen Mitgliedern des Young Investigator Network (YIN) des KIT. „Wir saßen alle im selben Boot“, findet sie. „Man hat zwar eine eigene Gruppe und eigene Gelder, aber keinen klar definierten Status im System Uni.“ Da hilft es, wenn man sich untereinander austauschen kann. Immerhin wissen in diesem Kreis auch alle, warum sie sich für akademische Meriten abrackern, statt gleich in der Industrie eine solide Dauerposition mit gutem Gehalt anzupeilen. „Diese besondere Situation schweißt zusammen und das auch später noch“, berichtet sie.

„Ich glaube an den einzigartigen Spirit des YIN“, sagt Chris Eberl, einer der Gründer des YIN.

Sinn stiften, statt Profit maximieren
Dem Nachhaltigkeitsthema ist die Informationswirtin zum ersten Mal in Schweden begegnet, wo sie zwei Jahre forschte. Vielleicht kein Zufall, dass ihr Interesse daran auch mit der Geburt ihrer Tochter Emma zusammenfiel. „Wenn man Kinder hat, denkt man über die Zukunft nach“, sagt sie – logischerweise. Logik, beziehungsweise die Vorliebe für Mathematik und logisches Denken, war es übrigens auch die sie letztlich über einen Umweg zur Informationswirtschaft führte. Zuerst hat sich die gebürtige Bambergerin in Basel unter anderem an einem Philosophiestudium versucht. „Sehr spannend, aber zu wenig konkret“, fand sie. Die Logik-Vorlesung hatten ihr am meisten Spaß gemacht. Und auch Mathe machte ihr nie Angst, wovon zuerst ihr drei Jahre älterer Bruder profitierte: Sie löste seine Mathehausaufgaben. Ein Studium der Informationswirtschaft in Karlsruhe und weitergehende Forschungsarbeiten im Bereich der Softwaresystementwicklung waren da nur folgerichtig.

Wenn es das Young Investigator Network (YIN) nicht schon längst gäbe, müsste man es auf jeden Fall erfinden, meint Petra Schwer in ihrem Videoporträt.

Aber auch wenn sie sich nun in der akademischen Welt bewegt, nur Hirsch-Index und wissenschaftlicher Impact reichen ihr nicht. Sie möchte schon auch die Welt ein bisschen besser machen: „Was ich tue, soll Sinn ergeben und nicht nur ein Unternehmen optimieren“, so ihr Arbeitscredo. Und damit sie das in größerem Umfang kann, geht es jetzt erst einmal wieder an den Anfang. Als Professorin einer Fachhochschule steht ihr kein Grundpersonal zur Verfügung, das bedeutet also, Anträge schreiben, Geld beschaffen und eine Forschungsgruppe aufbauen. Das kennt sie ja schon. Immerhin ist die Informatikprofessorin schon längere Zeit Teil einer virtuellen internationalen Forschungsgruppe, mit der sie gemeinsam forscht und publiziert, ansonsten wäre das so ganz allein wohl etwas hart, sagt sie. Richtig alleine ist sie natürlich gar nicht: Neben der Unterstützung an der Hochschule Furtwangen ist da ja noch die Lehre. Stefanie Betz hat die Chance, im Studiengang IT-Produktmanagement die Vertiefung Sozioinformatik inhaltlich ganz neu mitzugestalten und die Studierenden von ihrer Idee zu überzeugen. Das macht ihr Spaß und wird hoffentlich auch die nächste Informatiker-Generation mit dem Nachhaltigkeitsvirus infizieren.

Tom Brown schätzt den Austausch unter Gleichgesinnten im YIN.

Mehr vom YIN erfahrt ihr auf deren Webseiten oder in der Pressemeldung zum Jubiläum.

Montag, 28. Januar, 2019
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Regina Link

Geschrieben von: Regina Link