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Von Fliegen und schrägen Fantasien: Literatur am KIT

Mitglieder der GeistSoz-Theatergruppe gründeten vor einigen Jahren den Literaturabend, bei dem Studierende ihre eigenen Texte lesen und zur Diskussion stellen. In entspannter Atmosphäre erfährt man vieles über die Entstehung und Inspiration ihrer Literatur.

Text: Nina Setzler
Foto: Africa Studio – Fotolia

 

Stilecht wird zunächst eine Flasche Rotwein aufgeschraubt, bevor der erste Leser beginnt. „Den Text hab’ ich beim Aufräumen gefunden“, sagt Matthias und streicht zwei knittrige Din A4-Seiten glatt. In seiner zynischen Kurzgeschichte unterzieht sich eine gestresste Perfektionistin der geheimnisvollen „5-Minuten-Kur“, von der ihre Mitmenschen glauben, sie mache unkaputtbar. Als die Frau dennoch an Überlastung stirbt, herrscht Ratlosigkeit.

Der sorgfältig formulierte und launig vorgetragene Text erntet Applaus, als Zweites trägt Albert ein rumänisches Gedicht vor, das er sehr frei ins Deutsche übersetzt hat. „Normalerweise lesen wir hier nur selbst Verfasstes, aber dieser Text hat mich gepackt. Der macht etwas Eigenes und gehört dem Autor nicht mehr“, findet er. Das Gedicht handelt von den Widersprüchen in der Welt. „Einige haben, andere machen (…) Ruinen und Burgen (…) ihr, die ihr zum Mond aufbrecht, denkt an eure Brüder, die hungern…“. Nach jedem Text wird ein bisschen geplaudert und kommentiert, die Stimmung ist gelöst, die Zuhörer wollen wissen, wie dieser oder jener Text entstanden ist, was ihn inspiriert hat.

In Ylies’ Fall waren das seine Träume der letzten Nächte. Seine beiden Texte wirken denn auch etwas verworren und psychedelisch, in einer Sequenz begehrt er eine ältere Frau, trifft jedoch nur eine jüngere, woraufhin er sich in Käpt’n Blaubär verwandelt und Minihubschrauber um seinen Kopf schwirren sieht. Das Publikum lacht, die verqueren Szenen kommen gut an. Ob er über eine Deutung nachgedacht habe, fragt jemand. „Nö. Es sind schöne Bilder. Man könnte es bestimmt auch als psychische Problematik auslegen, aber wozu?“, grinst der Autor.

Auch Samiras Text mutet etwas schräg an, sie schildert Hundeexkremente unterschiedlichster Art aus der Sicht glücklicher Fliegen, die sich an einem „All-you-can-eat-Buffet des reich gedeckten Bordsteins“ laben. Die Verfasserin schildert dabei ihren täglichen Slalomlauf zur Bahn, wie sie gesteht: „Ich dachte mir, irgendwas Schönes muss es ja auch haben.“

Nach einer Zigarettenpause fehlt der nächste Leser. Lampenfieber? „Nee, Wilhelm doch nicht“, lacht einer. Kurz darauf trägt Besagter denn auch in routiniertem Schauspielerduktus die Fortsetzung seiner Geschichte des Studenten Johannes Klage vor, der diesmal ein wildes Abenteuer im Kasino voll Situationskomik und literarischer Anspielungen erlebt – Fragen nach dem Ausgang der Geschichte werden auf die nächste Lesung vertröstet.

Vor knapp drei Jahren entstand die Veranstaltung aus der GeistSoz-Theatergruppe heraus. In unregelmäßigen Abständen trifft man sich nun alle paar Wochen im Franz-Schnabel-Haus, neue Autoren und Zuhörer sind stets willkommen. Die kennen dann vielleicht nicht die erste Version von Matthias’ Beschreibung einer Beerdigung, auf der ein missgelaunter Protagonist drängelnde Trauergäste und andere Merkwürdigkeiten beobachtet, lauschen aber gespannt seiner Überarbeitung („ich war einfach zu faul etwas Neues zu schreiben“). Das Feedback der Kollegen fällt positiv aus: „Die leichten Flüche brechen deine Geschichte auf und machen sie leichter und witziger.“

Die Sujets des Literaturabends sind bunt gemischt, die Schreibstile naturgemäß recht unterschiedlich, genau wie die Menschen hinter den Geschichten: Am Laptop liest Heinrich einen inneren Monolog über eine schwerfällige Morgenroutine, was zuerst wie eine Persiflage aufs Studentenleben wirkt, sich dann aber als Tagesablauf eines Analphabeten entpuppt, bevor Jenny zum Abschluss ihre Spontanzugabe vom Handy abliest. Ihr Fantasy-Plot über Weltenwandler und Wellensänger entstand in einem Kurs für experimentelles Schreiben. „Wir haben Schlagworte zur Inspiration gesammelt, ich habe die Handlung in einem Schwall heruntergeschrieben und bisher noch keinen Schluss gefunden“, erklärt die Schreiberin. Macht ja nichts, der nächste Literaturabend wird kommen…

Montag, 17. April, 2017
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Geschrieben von: Gastautor