GESICHTER, STUDIUM

Vier Monate Vollgas: Integrierte Produktentwicklung am KIT

Bereits im Studium ein Patent anmelden, einen Prototypen für einen Industriepartner entwickeln, mit gestandenen Ingenieuren arbeiten, Vorständen die Hand schütteln – und möglicherweise schon ohne Abschluss das erste Jobangebot in der Tasche haben? Im Projekt „Integrierte Produktentwicklung“ (IP) am KIT ganz normal. Tu-Mai Pham-Huu hat mit sechs IP-Teilnehmern gesprochen.

Foto: Lydia Albrecht

 

 

„Wer nur 35 Stunden pro Woche arbeiten will, hat schon verloren.“ – „Man sollte schon zusehen, andere Verpflichtungen für die Zeit des Projekts hinten anzustellen“ – „Die Nacht durcharbeiten kam öfter mal vor.“ – „Man lernt, mit Stress umzugehen“ – „Man entwickelt sich unheimlich weiter“ – „Am Ende unterhält man sich mit den Vorständen eines Großunternehmens auf Augenhöhe.“

Hört man Florian Schuchter, Rouven Karp, Leonie Doldt, Bo Hu, Lukas Waldeier und Marcel Müller, den sechs Studierenden des Teams „iMotion“ zu, könnte man meinen, es handele sich um angehende McKinsey-Berater. Doch hier sprechen Maschinenbaustudierende des KIT über die Lehrveranstaltung „Integrierte Produktentwicklung“ (IP). Jedes Jahr arbeiten in dieser Vorlesung rund 40 Studierende an einem besonderen Projekt. Es verlangt ihnen einiges ab – bietet dafür aber auch vieles, was es in dieser Form wohl sonst nirgends gibt. Jedes Jahr stellt ein wechselnder, hochrangiger Industriepartner den Maschinenbaustudierenden eine Aufgabe. Sie haben vier Monate Zeit, diese zu lösen.

 

Die Studierenden des IP-Jahrgangs 16/17 stellen das IP selber im Video vor.

 

 

In der Integrierten Produktentwicklung werden echte Industrieprobleme gelöst
Enorm motivierend für die Studierenden: Es handelt sich nicht um ein theoretisches Gedankenspiel, sondern um ein reales Problem, das in dem Unternehmen behandelt werden soll. Die Studierenden werden nicht nur akademisch vom IP-Team eng betreut, sondern auch der Industriepartner ist intensiv und praxisnah beteiligt.

„Dieses Jahr sollten wir für BMW das Thema Leichtbaukarosserie bearbeiten“, sagt Florian Schuchter. „Von BMW waren über den gesamten Zeitraum Experten und Entwickler als Ansprechpartner für uns verfügbar.“ Dadurch hätten sie wertvolle Einblicke ins Unternehmen und in die Arbeitsweise und Struktur der Entwicklungsabteilung gewonnen, ergänzt Leonie Doldt.

 

Team Building: Drei Tage in Klausur
Für die Teilnahme am IP müssen sich die Studierenden bewerben – nicht jeder wird genommen. Wer sich bewirbt, weiß nicht, um welches Projekt oder welchen Projektpartner es sich handelt: „Im Bus zum ersten Vorstellungstermin gingen dann die Spekulationen los, als es Richtung München ging“, erinnert sich Lukas Waldeier.

Der nächste Termin: Drei Tage Blockveranstaltung in der Pfalz. Hier wurden die Teams gebildet – und zwar nicht, indem sich diejenigen zusammenrotteten, die am liebsten abends beim Bier zusammensaßen. Stattdessen gab es Typentests, die Studierenden wurden von den IP-Mitarbeitern beobachtet, es wurden Workshops gehalten und am Ende passende Teams zusammengestellt. Schließlich geht es darum – wie im echten Arbeitsleben – eine gute Mischung aus verschiedenen Kompetenzen zu erhalten.

 

Was will der Kunde? Marktanalyse muss sein!
Nachdem die Teams, der Team-Name, das Logo und die Rollen innerhalb des Teams feststanden, ging es an die Arbeit: Welches Produkt wollen wir entwickeln? „Die Aufgabenstellung von BMW war relativ offen, wir hatten noch viel Spielraum“, erklärt Rouven Karp.

Die wichtigsten Fragen, die vorab beantwortet werden mussten: Was will welcher Kunde? Welche Potenziale gibt es für welche Produkte? Wie kann das zu entwickelnde System in bestehende Produktionsprozesse integriert werden? „Wir haben nicht nur Methoden aus dem Studium angewendet, sondern auch einen ganzen Katalog neuer Methoden an die Hand bekommen, um eine richtige Marktpotenzialanalyse zu machen“, sagt Bo Hu.

Erst dann grenzte das Team aus den neun von BMW vorgestellten Bereichen des Karosseriebaus drei für sich ein: Batterie, Tür und Sensoren. BMW entschied sich bei ihnen für die Sensoren – andere Teams befassten sich unter anderem mit neuartigen Türkonzepten, Crashsystemen oder innovativen Karosserieoberflächen.

 


Das Institut für Produktentwicklung am KIT stellt das IP im Clip vor.

 

 

Wie kriegt man 50 Sensoren in einer Karosserie unter?
„Sensortechnik ist vor allem für den Bereich Autonomes Fahren relevant“, sagt Marcel Müller. Bis zu 50 Sensoren müssten künftig bei einem autonomen Fahrzeug in einer Karosserie untergebracht werden. Die Herausforderung: Diese möglichst elegant in das Design des Fahrzeugs zu integrieren – was mit zunehmender Sensoranzahl immer schwieriger wird. Man denke nur an die mit klobigen Kameras und Sensoren zugepflasterten autonomen Fahrzeuge aus der Forschung. Zudem galt es das Problem zu lösen, wie diese Sensoren während der Fahrt stetig gereinigt werden können, damit sie funktionstüchtig bleiben. „Dafür braucht es sehr viel Wasser, so dass große und schwere Wassertanks, Pumpen und Schläuche verbaut werden müssten – hierfür ist aber kein Platz im Fahrzeug“ erklärt Lukas Waldeier.

 

Vier Patente eingereicht
Das Team ließ die Köpfe rauchen, entwarf zig verschiedene Konzepte – und verwarf ebenso viele. Immer wieder gab es Deadlines für Zwischenpräsentationen, die ordentlich Stress hervorriefen. „Es wurde aber nie zu viel“, sagt Bo Hu rückblickend. „Man war zwar schon ziemlich getrieben, aber alles im machbaren Bereich.“ Und außerdem, fügt Marcel Müller hinzu, habe das Stressbewältigungsseminar, das genau in der hektischsten Phase stattfand, auch sehr geholfen.

Schlussendlich kam das Team auf eine Lösung, mit dem die Anzahl der zu integrierenden Sensoren deutlich reduziert werden konnte. Außerdem entwarf es ein Reinigungssystem, das nur 20 Prozent des Wassers im Vergleich zu herkömmlichen Reinigungssystemen braucht. Beides spart Bauraum und Gewicht. Nicht nur der Industriepartner war begeistert: „Für den gesamten Sensor haben wir vier Patente beim Deutschen Patent- und Markenamt eingereicht“, berichtet Leonie Doldt stolz.

 

„Das beste Produkt von IP sind die Studierenden!“
Stolz ist auch Professor Albert Albers, Leiter des Instituts für Integrierte Produktentwicklung und Initiator der Integrierten Produktentwicklung. Seit mehr als 20 Jahren verfolgt er seine Zöglinge, wie sie an diesem Projekt wachsen: „Das beste Produkt an der Integrierten Produktentwicklung – das sind nicht die Prototypen und die Patente… das seid Ihr, die Studierenden!“, ruft er begeistert bei der Abschlussveranstaltung, wo jedes Jahr alle Projekte vor mehr als 400 Gästen aus Industrie, Medien und Lehre vorgestellt werden. „Nach dem IP sind unsere Maschinenbaustudierenden völlig andere Menschen“, bekräftigt er. „Sie haben ein ganz anderes Selbstbewusstsein.“

Das bestätigen auch die angehenden Ingenieure: „Am Anfang fühlt man sich noch wie ein kleiner Student mit seinem Uniprojekt und traut sich kaum, mit den Experten beim Industriepartner zu telefonieren“, sagt Rouven Karp. „Aber am Ende hat man kein Problem damit, vor dem gesamten Vorstand sein Produkt vorzustellen.“

 

IP schweißt zusammen – aus Teamkollegen werden Freunde
Und wie fühlt sich das Team, wenn das Projekt zu Ende ist? Erleichtert? Oder die große Leere? „Von beidem etwas“, sagen die meisten lachend. Es sei schön, jetzt ein bisschen frei zu haben. Missen will definitiv niemand diese arbeitsintensive Zeit. Und gewonnen haben sie nicht nur ein neues Selbstbewusstsein, Teamfähigkeit, neue Kompetenzen und eventuell sogar bereits ein Jobangebot, sondern noch viel mehr: „Vor der Veranstaltung kannten wir uns noch nicht“, fasst Florian Schuchter zusammen. „Jetzt sind wir viel mehr als Kommilitonen – wir sind richtige Freunde geworden.“

 

Wer jetzt neugierig auf Integrierte Produktentwicklung geworden ist, findet Informationen zu Inhalten und Anmeldung unter  http://www.ipek.kit.edu/2976_788.php

 

Montag, 21. Mai, 2018
  GESICHTER, STUDIUM


Tu-Mai Pham-Huu

Geschrieben von: Tu-Mai Pham-Huu
Tu-Mai Pham-Huu ist Redakteurin am KIT. Sie hat Psychologie in Heidelberg studiert und an der Burda Journalistenschule volontiert.