CAMPUS, RAUSGESCHAUT

Up in the air: Segelflieger am KIT

Seit 1928 konstruieren und bauen Studierende in der Akademischen Fliegergruppe Karlsruhe, kurz Akaflieg, Segelflugzeuge. Und auch wenn die damit älteste Hochschulgruppe des KIT in diesem November ihr 90-jähriges Bestehen feiert: Innovationsmüde sind die Karlsruher Segelflieger noch lange nicht.

Fotos: Anastasiya Sultanova, Amadeus Bramsiepe und Markus Breig
Text: Denis Elbl

 

Akademische Fliegergruppen gibt es einige in Deutschland, und manche sind noch älter als die des KIT. Aber nur wenige so innovativ: Mit einem Nurflügler – Codename AK-X – hat sich die Akaflieg Karlsruhe an ein Projekt gewagt, an dem sich bislang nur wenige in Deutschland versucht haben und an dem fast alle gescheitert sind. Die AK-X ist als Nurflügler gewissermaßen die Königsklasse im (Segel-)Flugzeugbau. Der letzte Versuch, ein nur aus Cockpit und Tragflächen bestehendes Segelflugzeug zu bauen, war in den Achtzigerjahren. Doch selbst die Braunschweiger Konstrukteure bezeichneten die Flugeigenschaften ihres Fliegers als „sehr eigen“ – und zogen sie 2003 aus dem Verkehr. Für die Akaflieg Karlsruhe war das mehr Ansporn als Abschreckung: 2010 begann die Planungsphase für Projekt AK-X, mindestens 30.000 Arbeitsstunden, unzählige Simulationen und Belastungstests später steht nun der Prototyp vor der Fertigstellung.

 

 

Der Respekt vor der Aufgabe ist groß, ebenso aber die Zuversicht. „Wir wissen, dass die AK-X fliegen wird – nur noch nicht, wie gut“, sagt Dominic Pöppe, stellvertretender Leiter des Nurflügler-Projekts. Und Laurin Ludmann, Teamleiter Steuerung, ist gar sicher: „Rein rechnerisch müsste sie mit modernen Hochleistungsfliegern mindestens mithalten.“ Noch sind das Rechenspiele; wer weitgehend unerforschtes Terrain beschreitet, muss Rückschläge und Verzögerungen in Kauf nehmen. Viele Faustformeln, die sonst im Segelflugzeugbau zur Anwendung kommen – beim Nurflügler gelten sie nicht: „Konstruktion auf dem leeren Blatt von A bis Z – das geht bei einem so großen Projekt nicht“, weiß Projektleiter Georg Fahland. Abgesehen von verbesserten Flugeigenschaften erhofft sich das Team eine „um ein paar Punkte“ höhere Gleitzahl und damit höhere Reichweite – festlegen will sich da noch keiner, das sei im jetzigen Projektstadium unseriös. Zumal, wie der Maschinenbaustudent sagt: „Gleitzahl ist nicht alles. Beim Autorennen gewinnt auch nicht automatisch derjenige, der das schnellste Auto hat.“

 

 

Großen Respekt bekundet auch Ulf Merbold, 1983 der erste Astronaut der Bundesrepublik. In einem Grußwort zum Jubiläum schrieb er: „Der tausende Jahre alte Menschheitstraum vom Fliegen ist Wirklichkeit geworden. Würde ich gefragt werden, wer daran den größten Anteil hat, wäre meine Antwort: die Akafliegs.“ Tatsächlich wissen auch Flugzeughersteller um die Innovationskraft der Akafliegs, und nicht zufällig steht „Forschen“ im Motto der Akaflieg Karlsruhe – „Studenten forschen, bauen, fliegen“ – an erster Stelle. „Viele Flugzeughersteller und Zulieferer sind kleine und mittlere Unternehmen ohne eigene Forschungsabteilung, die ihre Forschungsarbeit gewissermaßen an uns auslagern“, erklärt Georg. Zu beiderseitigem Nutzen, denn im Gegenzug für frische Ideen darf die Akaflieg schon mal professionelle technische Anlagen und Ausrüstung nutzen oder erhält Materialsponsoring – anders sind die kostenintensiven Projekte nicht umzusetzen.

 

 

„Verwirklichung innovativer Flugzeugprojekte, neue Impulse für den Segelflugzeugbau, Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der allgemeinen Luftfahrt, Umsetzung von im Studium erworbenem theoretischen Wissen in die Praxis“, so beschreibt die Akaflieg Karlsruhe ihr Vereinsziel selbst. Vorkenntnisse sind dabei nicht erforderlich, und angesprochen sind ausdrücklich nicht nur Studierende technischer Studiengänge: Auch wer nicht unmittelbar an einem Projekt mitarbeitet, findet eine wichtige, nicht-technische Aufgabe, beispielsweise im Marketing. Lohn des Engagements: „Die Mitglieder bekommen bei uns eine fast kostenlose Pilotenausbildung“, erklärt Dominic. Geflogen wird, je nach Wetter, von März bis Oktober in derzeit sechs Segelflugzeugen, davon drei Eigenbauten. Und künftig auch in der AK-X? Das wird noch etwas dauern: Bis zur Erteilung der Flugerlaubnis durch das Luftfahrt-Bundesamt sind noch einige Hürden – viel Papierkrieg und technische Prüfungen, beispielsweise beim Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Göttingen – zu meistern.

 

 

Einen Vorgeschmack wird es aber in Kürze geben: Bei der Jubiläumsfeier wird das Projektteam den Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Nurflügler vorstellen. Und, wie Dominic verspricht: „Der Prototyp wird ausgestellt. Wenn nichts schiefgeht mit fliegendem Rumpf, dem linken Flügel, dem Bruchflügel rechts, einem Winglet und auf eigenem Fahrwerk. Es ist dann also fast schon alles im Rohbau dran, und man kann gut sehen, wie es am Ende aussehen wird.“

 

 

Wer neugierig geworden ist und die aktuell rund 40 Mitglieder starke Hochschulgruppe verstärken möchte, kann auch in der Werkstatt auf dem Campus West in der Hertzstraße vorbeischauen. Dort trifft sich die Akaflieg Karlsruhe jeden Donnerstag um 20 Uhr in ihren Räumen im Gebäude 06.32.

 

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Montag, 29. Oktober, 2018
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