ARBEITSWELT, GESICHTER, RAUSGESCHAUT

TheSimpleClub: Vom Nachhilfe-Channel zum Tech-Startup

Der 22-jährige Student des KIT Alexander Giesecke hatte noch nicht einmal sein Abitur in der Tasche, als er mit seinem Mitschüler Nicolai Schork den Grundstein für sein Business legte. Die Idee: Den Abi-Lernstoff verständlich und unterhaltsam vermitteln – auf Youtube. Heute, 5 Jahre später, leiten die beiden Studenten ein Unternehmen mit rund 30 Mitarbeitern. Ihre Vision: Der beste Arbeitgeber der Welt zu werden.

Fotos: Lydia Albrecht
Text: Tu-Mai Pham-Huu

 

Alexander studiert Maschinenbau am KIT – doch im Gegensatz zu vielen seiner Kommilitonen ist das nicht seine Hauptbeschäftigung. Nicolai und er waren in der elften Klasse, als sie auf der Suche nach Videos zur Abiturvorbereitung auf die Idee kamen, diese einfach selbst zu produzieren: „Alles, was es gab, war stinklangweilig“, so das Urteil der beiden damals 16-jährigen Schüler. „Also beschlossen wir: Wir machen unterhaltsame, geile Videos, mit denen das Lernen auch Spaß macht!“


Dranbleiben – weil die Nutzer sie „geil“ finden
Gesagt, getan: TheSimpleClub war geboren. Zwischen 2012 und 2015 entstanden mehr als 500 Videos, erst einmal nur für das Fach Mathematik. „Erklärt wird, wie man es einem Kumpel erklären würde“, fasst Alexander das didaktische Konzept zusammen. Und es schlug ein wie eine Bombe – auch wenn es nicht sofort monetarisierbar war. Ursprünglich sei schon die Hoffnung da gewesen, damit Geld zu machen, sagt Alexander. Doch der Erfolg ließ auf sich warten: Die ersten Jahre flossen so gut wie gar keine Youtube-Einnahmen in ihre Taschen. „Was uns voran trieb, war das tolle Feedback unserer Mitschüler und die unzähligen positiven Userkommentare auf Youtube“, erinnert er sich. „Ihr seid die Geilsten! Jetzt habe ich es endlich verstanden!“ ist der Tenor der meisten Kommentare auf der Videoplattform.

 

 

Am Ball bleiben und weiter produzieren sei nicht immer leicht gewesen, doch die begeisterten Rückmeldungen motivierten sie zum Weitermachen. Immer lauter wurde auch der Wunsch der User nach weiteren Channels, so dass die beiden Gründer im Jahr 2014 ihre ersten Mitarbeiter anstellten: Nun gehörten auch Physik, Biologie und Chemie zum Angebot von TheSimpleClub. Später kamen auch Wirtschaft, Informatik, Geographie und Geschichte hinzu. Jedes Fach bekam seinen eigenen Kanal mit eigenem Kanalverantwortlichen.


Keine Freunde einstellen? Ach was!
„In allen Ratgebern heißt es: Bloß keine Freunde einstellen!“, erklärt Alexander. „Nun, wir haben erst alles gelesen – und dann Freunde und Mitbewohner eingestellt.“ Ihre Unternehmenskultur: Nur Top-Leute einstellen – und ihnen maximale Freiheit geben. „Jeder Kanal hat seinen eigenen Autor, der die Videos eigenverantwortlich mit seiner eigenen Handschrift produziert. Es gibt keine Korrekturschleifen. Wir vertrauen unseren Mitarbeitern und legen Wert auf eine offene und hierarchiearme Unternehmenskultur. Nur so funktioniert das und nur so können wir so erfolgreich sein.“


Youtube war nur der Anfang
Erfolgreich sind sie inzwischen in der Tat – und zwar nicht in erster Linie als Youtuber, wie man aufgrund der mehr als 2000 Lernvideos, rund 2 Millionen Youtube-Abonnenten und mehr als 200 Millionen Videoaufrufe annehmen könnte, sondern als Geschäftsführer eines Unternehmens, das ganz neue technologische Wege beschreiten will.

„Youtube war unser Einstieg. Unser eigentliches Produkt ist jedoch inzwischen die TheSimpleClub App“, erläutert Alexander. Entgegen der landläufigen Meinung würden Millionen Klicks auf Youtube noch kein Unternehmen finanzieren, fügt er hinzu. Viele Youtuber verdienen vor allem durch Produktplatzierungen Geld – was bei Nachhilfevideos wenig Sinn macht. Hier musste ein anderes Geschäftsmodell her.


„Geiler Content“ ist das A&O!
Mit der App, die 2016 gelauncht wurde, können die User nach wie vor kostenfrei alle Youtube-Videos anschauen. Zusätzlich bietet sie jedoch für einen monatlichen Beitrag von rund zehn Euro personalisierte Lernprogramme mit interaktiven Prüfungsfragen und Spickzetteln – auf die jeweilige Klassenstufe und Fächerwahl zugeschnitten. Die Nutzer sprangen sofort auf das neue Konzept an: „Wir haben bereits mehrere Tausend zahlende Abonnenten“, sagt Alexander. „Der meiste Inhalt ist  kostenlos und wird es auch bleiben. Aber man sieht: Nutzer sind auch bereit sind, für guten Content zu bezahlen – wenn er ihnen etwas bringt.“

Das sehen auch die Nutzer so: „Danke für die viele Mühe und Arbeit! Es wäre ja unverschämt, wenn ihr dafür nicht endlich Geld nehmen würdet!“ tönt es auf Youtube.


Digital Nomads – so arbeitet man heute!
Ihre Unternehmenskultur zeigt sich auch in der zeitgemäßen Arbeitsweise: Alexander lebt mit seiner Freundin in Mallorca, Nicolai in Konstanz, das Basisoffice mit einigen Mitarbeitern befindet sich in Berlin, daneben gibt es Mitarbeiter in anderen Teilen Deutschlands, Indien, Neuseeland und USA. Alle arbeiten problemlos über digitale Plattformen miteinander, getroffen wird sich regelmäßig zu Teamsitzungen: „Wir suchen uns dann eine coole Location und da verbringen wir dann ein paar Tage zusammen.“ Auf Firmenkosten, versteht sich.


Ein Studium sollte man aber trotzdem haben
Trotz eigenem Unternehmen stellte sich für Alexander nie die Frage, ob er studieren sollte: „Für das Maschinenbaustudium am KIT habe ich mich entschieden, weil ich mich schon als kleiner Junge sehr für Technik interessiert habe“, sagt er. „Das KIT zählt zu den Top-Unis in Deutschland, daher habe ich mich für den Studienort entschieden. Obwohl ich mich beruflich inzwischen in eine unternehmerische Richtung bewegt und mich etwas vom Maschinenbau entfernt habe, bin ich nach wie vor sehr zufrieden mit meiner Entscheidung.“


Next Step: TheSimpleClub Künstliche Intelligenz
Den nächsten Schritt wollen die beiden Gründer dieses Jahr angehen: TheSimpleClub soll ein Technologieunternehmen werden. „Wir beschäftigen uns aktuell mit der Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz, die den Nutzern ihre Lernmaterialien noch personalisierter und individualisierter präsentieren kann“, beschreibt Alexander ihre Pläne für 2018. Auch hier bauen sie wieder auf frisches Blut: „Unsere Entwickler sind nicht einmal 20 Jahre alt, direkt von der Schulbank, aber wahnsinnig talentiert. Wir haben sehr lange gesucht, bis wir geeignete Leute gefunden haben –die hier sind der Hammer!“, schwärmt Alexander.

An Visionen fehlt es Alexander und Nicolai nicht: Weltweit kostenlose Nachhilfe in allen Fächern, das Bildungs- und Schulsystem revolutionieren – und nebenbei „der beste Arbeitgeber der Welt werden.“

 

Mehr vom TheSimpleClub unter www.thesimpleclub.de

Montag, 23. Juli, 2018
  ARBEITSWELT, GESICHTER, RAUSGESCHAUT


Tu-Mai Pham-Huu

Geschrieben von: Tu-Mai Pham-Huu
Tu-Mai Pham-Huu ist Redakteurin am KIT. Sie hat Psychologie in Heidelberg studiert und an der Burda Journalistenschule volontiert.