RAUSGESCHAUT

Studis, auf zur Critical Mass in Karlsruhe!

Karlsruhe ist die „zweitfreundlichste Fahrradstadt Deutschlands“, man erreicht eigentlich alles schnell mit dem Rad. Viele Studierende können sich darum besonders in den Sommermonaten das Semesterticket sparen und auf ein eigenes Auto verzichten. Trotzdem ließe sich die Radinfrastruktur in Karlsruhe noch um einiges verbessern – die Critical Mass macht einmal im Monat auf Ungerechtigkeiten im Stadtverkehr aufmerksam. Sarah Mall ist für clicKIT mitgefahren.

Fotos: Sarah Mall

 

Die Kritische Masse: 16 plus
Einmal im Monat versammeln sich engagierte Radfahrer, scheinbar zufällig, an einem bestimmten Tag immer zur selben Zeit am selben Ort und fahren im Verbund einen friedlichen Protest. Die Critical Mass ist eine spontane Aktion, die im Gegensatz zu Demonstrationen nicht angemeldet werden muss. Was sich nach einem physikalischen Gesetz anhört, legt tatsächlich die Grenze fest, ab der laut § 27 der Straßenverkehrs-Ordnung eine Gruppe Radfahrer dieselben Rechte hat wie ein Fahrzeug. Fahren mehr als 16 Radler im erkennbar geschlossenen Verbund, dürfen sie gemeinsam eine Fahrbahn für sich beanspruchen und Ampeln und Kreuzungen als Ganzes überqueren, ohne vom übrigen Verkehr unterbrochen zu werden.

 

Von San Francisco nach Karlsruhe
Die erste CM fand 1992 in San Francisco statt, mittlerweile hat sich die Bewegung auf viele Städte weltweit ausgedehnt. In Karlsruhe ist die Critical Mass lange nicht so stark vertreten wie in Stuttgart, Berlin oder Köln. Trotzdem kommen jeden letzten Freitag im Monat zwischen 100 und 200 engagierte Radfahrer um 18 Uhr am Kronenplatz zusammen, um ein Zeichen gegen die Vereinnahmung des öffentlichen Raums durch motorisierten Verkehr und für mehr Lebensqualität in Innenstädten zu setzen.

 

Critical Mass Karlsruhe im Wandel
Die Grüne Hochschulgruppe initiierte die CM Karlsruhe 2011, damals noch als scheinbar ungeplanten Flashmob. Mittlerweile wird die Strecke aus Sicherheitsgründen angemeldet und von einer Motorradflotte der Polizei begleitet. Christa Walter ist regelmäßige Teilnehmerin der CM KA, sie hat selbst schon Touren angeführt und die Entwicklungen der Bewegung miterlebt. „Die Critical Mass in Karlsruhe wird seit einem Jahr wieder als Veranstaltung unter freiem Himmel angemeldet und polizeilich abgesichert. Das entspricht zwar nicht dem Prinzip der CM, ist aber nötig geworden“, erklärt sie. Neben verwunderten Blicken erntet die radelnde Protestbewegung schließlich auch Irritation von motorisierten Verkehrsteilnehmern. „Es kam teilweise zu gefährlichen Situationen – Autofahrer haben ungeduldig gehupt und versucht, den Verbund gewaltsam aufzubrechen. Die vielen Straßenbahnen in Karlsruhe tragen zu dieser angespannten Situation natürlich bei“, berichtet Christa Walter. Sie findet Radfahren in Karlsruhe ebenso frustrierend wie gefährlich: man wird angepöbelt, geschnitten und muss zusätzlich noch die verbrauchte Luft ertragen.

 

 

 

 

Mehr in die Radinfrastruktur investieren
Nach Münster wurde Karlsruhe auf den zweiten Platz der fahrradfreundlichsten Städte Deutschlands gewählt – besonders im internationalen Vergleich zeigt sich aber, was die Stadt noch verbessern könnte. Christa Walter führt als Vorbild Zürich und Kopenhagen an, wo von städtischer Seite das Ziel verfolgt wird, jedes Jahr drei Prozent weniger Autofahrten zu erreichen. Mit einem verstärkten Fokus auf den Radverkehr in Innenstädten würde sich die überlastete Verkehrslage deutlich entzerren und damit die Lebensqualität steigen.

 

Jeder kann mitfahren und sich engagieren
Die Critical Mass ist kein Verein, es gibt weder eine Hierarchie noch einen Veranstalter. Einzelne Teilnehmer legen die Strecke fest und führen die Tour an, legal verantwortlich sind aber alle. Egal ob man mitfährt, um ein politisches Statement zu setzen oder einfach nur das Radeln im Verbund genießt: die Critical Mass vermittelt ein Gefühl davon, wie schön das Radfahren in der Stadt sein könnte, wenn ausgeglichenere Verhältnisse geschaffen würden.

Wer die Critical Mass Karlsruhe selbst erleben oder eine Strecke planen und leiten möchte,findet sich am letzten Freitag des Monats um 18 Uhr am Kronenplatz ein oder geht zum CM-Treff. Auf der CM KA-Webseite gibt es das Datum des nächsten zufälligen Zusammentreffens, die Facebook-Präsenz verrät meist die geplante Strecke und Orga-Termine.

 

 

Sonntag, 24. Dezember, 2017
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Sarah Mall

Geschrieben von: Sarah Mall
Sarah Mall hat zuerst Übersetzung, dann Kultur- und Medienwissenschaft studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin und Texterin in Karlsruhe.