RAUSGESCHAUT

Pulse of Europe: Für Europa auf die Straße

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Seit Monaten werden die Stimmen der Europagegner lauter – mittlerweile sind sie unüberhörbar. Quer durch Deutschland geht nun eine Gegenbewegung: Pulse of Europe. Menschen aller Gesellschaftsschichten gehen für ein bestehendes, starkes Europa auf die Straße. In Karlsruhe treffen sich die Demonstranten jeden ersten Sonntag im Monat auf dem Platz der Grundrechte, um für den europäischen Gedanken einzustehen. Laura Englert war für clicKIT vor Ort.

Fotos: Davide Torrente

 

Dank des wunderschönen Frühlingswetters war der Platz sehr voll. Nach gemeinsamem Singen und einer kurzen Ansprache folgte das ‚offene Mikrofon‘. Jeder hatte hier die Chance seine Gedanken, Ängste, Wünsche, Freude, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit in Bezug auf Europa loszuwerden. Gespannt schaute ich mich immer wieder um. Wer besuchte diese Veranstaltung? Und was waren die jeweiligen Beweggründe? Um Antworten zu erhalten, beschloss ich, eine Runde durch die Menge zu laufen und mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen.

Europa bedeutet offene Gesellschaft
„Das erste Mal bin ich zu Pulse of Europe gegangen, weil ich die Idee klasse fand, für Europa zu demonstrieren“, sagt Constanze, Soziologin. „Einerseits habe ich ganz private Gründe dafür: Ich fühle mich als Europäerin, möchte weiterhin in einer offenen Gesellschaft leben und auch meine Arbeit lebt von der EU. Andererseits entsteht eine echte Bewegung erst durch Viele: Wer für Europa ist, sollte auf die Straße gehen und andere aufrütteln, dass Frieden und Freiheit nichts Selbstverständliches sind, sondern immer wieder aufs Neue errungen werden müssen!“
Lukas studiert Wirtschaftsingenieurwesen am KIT und erklärt: „Nur durch Gedanken kann man kein Zeichen setzen, sondern nur, wenn man sich auch offen zu einer Idee bekennt. Wie man in den vergangenen Jahren gesehen hat, mobilisieren sich Menschen leichter, um GEGEN etwas zu protestieren, als FÜR etwas einzustehen. Deswegen bin ich hier.“ Außerdem sei es in unserer Generation nicht mehr so üblich, für seine Interessen auf die Straße zu gehen, da man ja eigentlich keine wirklichen Probleme habe. „Dass das in der aktuellen Zeit aber dringend notwendig ist, geht nur schwer in die Köpfe“, bedauert er.

Zeichen gegen Rechts setzen
Auch Lauritz, ebenfalls Student am KIT und angehender Wirtschaftsingenieur, liegt das Statement gegen rechte Gesinnung sehr am Herzen: „Ich möchte zum einen den Politikern und allen Menschen in Deutschland und Europa zeigen, dass der Europäische Gedanke nicht gestorben ist und dass die Bürger immer noch daran glauben. Und zum anderen den Rechtsradikalen und nationalistischen Menschen, die immer nur von Isolation predigen, eine Front bieten, damit sie nicht noch weitere Menschen der Bevölkerung mit ihrer „Weltuntergangsstimmung“ infizieren. Auch wolle er Politikern den Rücken stärken und ihnen vermitteln, dass die Europäische Union verbessert werden kann und sollte. Mit seiner Teilnahme drücke er aus, dass die Europäische Union mehr als nur eine Währungsunion sei und dass die EU für Frieden und Gemeinsamkeit stehe. “Ich möchte auch sicherstellen, dass so etwas wie der Brexit nicht noch einmal passiert“, erklärt er.

Nach den Gesprächen mit den Studierenden machte ich mich auf die Suche nach einem der Organisatoren. Schnell stellte sich heraus, dass es auch einen jungen Mann am KIT gibt, der sich für Pulse of Europe engagiert. Trotz vollem Stundenplan macht Felix Seifert sich für den Erhalt der Europäischen Union stark.

 

 

 

Die Bewegung braucht junge Menschen
Seinen ersten Kontakt mit Pulse of Europe hatte Felix Seifert im Februar 2017. „Gefunden habe ich es über Facebook, habe aber relativ schnell gemerkt, dass der ‚Drive‘ der Veranstaltung ein bisschen fehlte“, berichtet er. „Meine Altersgruppe fehlte quasi komplett – aus diesem Grund habe ich den Organisator angesprochen. Die Veranstaltung war recht einfach konzipiert und ich fand den Gedanken schön, mitwirken zu können.“

Doch trotz seines Engagements und kräftiger Werbetrommel tat sich anfangs nicht viel auf studentischer Seite. Dabei sei das Entscheidende, dass junge Leute Interesse zeigen und sich für den Erhalt der EU stark machen würden, findet er: „Ältere Generationen wissen, wie es ist, wenn es Krieg oder Einreiseschwierigkeiten gibt. Ich vermute, dass dieses Desinteresse daher kommt, weil wir Jungen es nie miterleben mussten, was es heißt, nicht in einer wirtschaftlich starken, grenzoffenen und friedlichen Europäischen Union zu leben.“

Bei einem Besuch in Paris sei es ihm besonders bewusst geworden: Einfach in den Zug in Karlsruhe einsteigen und am Pariser Bahnhof unproblematisch aussteigen – ganz ohne Grenzbarrieren. „Planungsaufwand war vielleicht eine Stunde. Es gab kein monatelanges Verfahren für ein Visum, oder eine schwierige Zugfahrt“, schwärmt er. „In Paris angekommen, löste fehlendes Bargeld meinen nächsten Bewusstseinsmoment aus. Ich lief an irgendeinen Automaten, steckte meine Karte rein und bekam mein ersehntes Bargeld. Ohne EU teilweise undenkbar oder sehr kompliziert!“

Für mich war es eine sehr spannende Erfahrung, die unterschiedlichsten Beweggründe von verschiedensten Menschen zu hören – aber in einem sind sich alle einig: Gelebt wird die Vielfalt von, mit und durch uns Menschen. Wer bei Pulse of Europe mitwirken will, ist herzlich eingeladen: Neuteilnehmer sind an jedem ersten Sonntag im Monat auf dem Platz der Grundrechte willkommen!

Mehr Info auf der Webseite von Pulse of Europe.

Montag, 3. Juli, 2017
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Laura Englert

Geschrieben von: Laura Englert
Laura Englert studiert im Hauptfach Germanistik und im Nebenfach Medientheorie und -praxis am KIT. Sie schreibt seit 2016 Texte für das Studierendenmagazin clicKIT.