CAMPUS, GESICHTER, STUDIUM

„Prüf dich doch selber“ – mit Crowd Sourcing: Studierende erstellen ihre Aufgaben selbst

Prüfungen, so die landläufige Annahme, dienen dazu, Fähigkeiten und Kenntnisse festzustellen. Einer Privatdozentin am KIT ist das zu wenig: Sie entwickelt eine Software, mit der Studierende Lehrinhalte aus Vorlesungen selber in Prüfungsaufgaben übersetzen und so vertiefen können – und damit auch noch Bonuspunkte sammeln.

Fotos: Lydia Albrecht
Text: Denis Elbl


Mit dem Tool von Agnes Koschmider, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Angewandte Informatik und Formale Beschreibungsverfahren (AIFB) des KIT in der Forschungsgruppe Betriebliche Informationssysteme arbeitet, können Studierende während des Semesters selbst Multiple-Choice-Prüfungsaufgaben inklusive Lösungen erstellen, so das Gelernte direkt umsetzen und unter Beweis stellen. Andere Nutzer können diese Aufgaben zur Übung lösen – und bewerten: Neben einer Analyse durch das System selbst durchlaufen die Aufgaben also eine Art Peer-Review-Prozess. Im besten Fall – bei durchweg positivem Feedback durch Nutzer und System – entstehen so „exzellente“ Fragen, also Aufgaben, die denen in einer „echten“ Klausur ebenbürtig sind. Und für die gibt es Bonuspunkte. Die gibt es zwar auch für Korrekturen, aber nur anteilig: „Das Ziel ist es, Studierende zum Erstellen eigener Aufgaben zu motivieren“, erklärt Koschmider, „so können die Dozierenden am besten erkennen, ob die Studierenden die Aufgaben und die Lerninhalte verstanden haben.“

Lehrende können auch aktiv in den Prozess eingreifen. Ihre Korrekturen sind ebenso für alle Nutzer sichtbar wie die von Studierenden vorgenommenen. Maßgeblich für die Bewertungen sind inhaltliche Richtigkeit, Anspruchsniveau oder Anwendungsorientierung. Relevant sind aber auch formale Aspekte, die ebenfalls in Guidelines festgelegt sind. Dazu zählen unter anderem die Verwendung der Begrifflichkeiten aus der Vorlesung oder Orthografie und Grammatik. Zusätzlich weist das System statistische Werte aus, beispielsweise, wie viel Zeit andere Nutzer zur Lösung einer Aufgabe benötigt haben, und zeigt den Studierenden so an, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.

Das Niveau der Aufgaben, die so entstehen, bewertet Koschmider durchweg positiv: „Ich fand die als exzellent eingestellten Fragen tatsächlich schon sehr, sehr gut und würde sie selbst als Klausurfragen verwenden.“ Aktuell sind rund 500 Fragen im System, den Anteil der exzellenten schätzt sie auf etwa zehn Prozent. „Der Anteil der Fragen, die das Potenzial haben, im Laufe des Prozesses exzellent zu werden, liegt aber bei mehr als 50 Prozent“, ist sie sich sicher.

„Das Innovative an unserem System ist, dass es den kompletten Prozess vom Erstellen und Bewerten einzelner Aufgaben bis hin zum Erstellen ganzer Klausuren unterstützt und individuell dem Lernfortschritt der Studierenden begegnet“, erklärt die Informatikerin. Das im Januar 2018 gestartete, ursprünglich von der Universität Köln initiierte und mitfinanzierte Projekt läuft zwar noch bis Dezember 2019, „der Prototyp ist aber, bis auf das Feintuning an der Usability, so gut wie fertig“, so Koschmider. Bislang kommt die Software nur in Wirtschaftsinformatik und Angewandter Informatik zum Einsatz, kann grundsätzlich aber auch in anderen Fächern angewendet werden.

Am Feedback der Nutzer wird das kaum scheitern. Denn die Studierenden, die bislang Erfahrungen mit der Software gesammelt haben, sind zufrieden, wie Koschmider weiß: „Alle, die mitgemacht haben, würden es wieder tun. Wir konnten beobachten, dass diejenigen, die nicht am Bonusprogramm teilgenommen haben, eher durch die Prüfung fallen, und dass diejenigen, die viele exzellente Aufgaben erstellt haben, bessere Noten schreiben.“


Mehr Informationen zum System der Erstellung individualisierter E-Prüfungen gibt es direkt bei Agnes Koschmider.

Montag, 18. Februar, 2019
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Geschrieben von: Denis Elbl