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Normal war einmal: Wie Start-ups aus dem KIT die Coronakrise meistern

Für Gründerinnen und Gründer ist eine Pandemie nicht gerade das ideale Umfeld zum Durchstarten. Doch auch jetzt ergeben sich Chancen – clicKIT hat sich in der Start-up-Szene des KIT umgehört, wie sie den Ausnahmezustand erlebt haben.

Text: Dr. Martin Heidelberger und Daniela Musial-Lemberg
Fotos: auvisus, memetis, SIMUTENCE, Twinway

Es heißt ja häufig, dass Gründerinnen und Gründer immer einen „Plan B“ in der Tasche haben sollten. Aber was nützt der beste „Plan B“, wenn aufgrund einer Pandemie die Spielregeln plötzlich ungültig sind? Für viele der Gründerteams, Start-ups, und Ausgründungen aus dem KIT begann mit dem März 2020 eine harte Bewährungsprobe. Doch in einigen Fällen führte der Lockdown sogar zu neuem Schwung.

SIMUTENCE: Endlich Zeit für Produktoptimierung

Das Unternehmen SIMUTENCE bietet eine virtuelle Prozesskette an, mit der Hersteller unter anderem Leichtbauteile aus Faserverbundwerkstoffen vom Entwurf bis in die Produktion führen können. Das 2019 gegründete Spin-off aus dem KIT startete zunächst steil, mit Beratungs- und Dienstleistungsprojekten sowie mit dem Verkauf von ersten Lizenzen. „Unsere Planzahlen haben wir bald nach Markteintritt übertroffen“, berichtet Dominik Dörr, einer der Gründer des Unternehmens. „Aber dann kam Corona und die für uns so bedeutsamen Branchen Automotive und Aerospace wurden hart getroffen. Viele der frisch akquirierten Projekte wurden auf unbestimmte Zeit verschoben.“

Simutence hat die „etwas ruhigere Zeit“ über den Sommer hinweg nutzen können, um ihre Simulationsmethoden zu schärfen und weiterzuentwickeln. Statt in Stillstand zu verharren nutzten sie die Lockdown-Zeit also um ihr Kernprodukt zu verbessern. Inzwischen gibt es bei SIMUTENCE wieder Grund für Optimismus, da potenzielle Kunden in die Planung von Entwicklungsprojekten einsteigen. „Nun hoffen wir sehr, dass Tagungen und Messen mit entsprechenden Hygienekonzepten im Herbst stattfinden können. Das Angebot an virtuellen Events ist zwar groß, ersetzt aber trotzdem nicht die konventionelle Tagung oder Messe mit der Möglichkeit zum persönlichen Gespräch“, so Dörr.

auvisus: Berührungslos in die Zukunft

Ein vollautomatischer Check-out für Kantinen, das ist die Vision des Start-ups auvisus. Die Gründer Felix Schweikardt und Alexander Gauthier haben ein entsprechendes Kassensystem entwickelt, das Speisen mit Künstlicher Intelligenz (KI) erkennt. Wie das funktioniert, sehr Ihr hier im Video.

Ein entsprechender Prototyp steht bereit und eigentlich standen nun Messebesuche an, Kontakte sollten geknüpft und Kunden geworben werden. „Eine Messe nach der anderen wurde abgesagt“, berichtet Schweikardt. „Potenzielle Kunden gingen auf Tauchstation, ein Vertrieb war in den zwei Monaten nach dem Lockdown praktisch nicht existent.“

Trotzdem blicken die Gründer von auvisus positiv in die Zukunft. Grundsätzlich haben Automatisierung und berührungslose Bezahlvorgänge durch die Coronakrise nämlich an Bedeutung gewonnen. Neben kürzeren Warteschlangen und besserer Hygiene könnte sich ein coronabedingt ausgedünntes Personal dank eines automatischen Check-out um andere Aufgaben kümmern. „Das Interesse potenzieller Kunden kehrt seit Juni langsam zurück. Aber wir merken auch, dass die Gastronomiebranche noch sehr vorsichtig und abwartend ist und beobachtet, wie sich die Situation entwickelt. Dadurch kommt es nicht so schnell zur Projektumsetzung oder zu einer konkreten Auftragsunterschrift“, so Schweikardt.

  • SIMUTENCE bietet eine virtuelle Prozesskette an, mit der Hersteller unter anderem Leichtbauteile vom Entwurf bis in die Produktion führen können. (Foto: SIMUTENCE)

Twinvay: Schnell reagieren und Kontakte nutzen

Vor ein paar Jahren starteten Kim Eisenmann und ihr Partner Sven Häuser aus dem Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen am KIT heraus mit der Entwicklung und Vermarktung von ausgefallenen Produkten. Unter anderem ein Testarmband, mit dem man sich vor K.O.-Tropfen schnell und zuverlässig schützen kann, indem der Wirkstoff GHB in Getränken identifiziert wird. Doch bereits Ende 2019 sahen sie die dunklen Wolken am Horizont: „Einige unserer Kontakte in China berichteten vom dortigen Ausbruch des neuartigen Coronavirus und den Auswirkungen auf die Wirtschaft“, sagt Häuser. „Schon damals hatten wir ein komisches Bauchgefühl. Wir beschlossen, uns für den Fall vorzubereiten, dass das Virus auch nach Europa kommt.“ Bereits im Februar begannen sie dann damit, die Produktion auf Schutzkleidung umzustellen und im März flatterte die erste große Bestellung herein: 2,5 Millionen Masken nach Deutschland.

Nützlich für die neue Situation waren die Erfahrung mit dem Vertrieb und der Auslieferung von Produkten. Allerdings handelte es sich nun um andere Größenordnungen und um hochkomplexe rechtliche Rahmenbedingungen: „Wir haben uns so schnell wir konnten eingearbeitet, gleich global aufgestellt, auch Fehler gemacht, gelernt und weiter verhandelt und probiert. Innerhalb von nur acht Wochen konnten wir bei Auftragsverhandlungen bereits mit sehr viel größeren Konzernen mithalten. Das war ein tolles Gefühl und hat uns motiviert.“ Gegen den Trend ist das Unternehmen von Häuser und Eisenmann in der Coronakrise stark gewachsen und hat unter dem Namen Twinvay zu einer neuen Identität gefunden. Für die Gründer aber kein Grund, sich zurückzulehnen: „Der Bedarf an Schutzausrüstung wird eines Tages wieder einbrechen. Bleibende Spuren wird die Coronakrise aber in den globalen Lieferketten hinterlassen, weil viele mittelständige Zulieferer aufgeben. Hier fragen wir uns gerade: was wird fehlen, was muss ersetzt werden?“

memetis: Das richtige Produkt zur richtigen Zeit

Für das KIT Spin-off memetis sollte 2020 der Wendepunkt werden. Das junge Deep-Tech-Unternehmen hatte 2019 gerade erfolgreich seinen Markteintritt absolviert. Dank der einzigartigen patentierten Miniaturventile und Aktoren sollte sich der Umsatz in diesem Jahr verdreifachen. Aber neue Aufträge blieben aus und statt Umsatzsteigerung mussten sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Produktion in die Kurzarbeit schicken. „Aktuell hat sich die Situation wieder ein wenig erholt“, sagt Christoph Wessendorf, einer der Gründer von memetis. „Nach wie vor fließt allerdings die meiste Arbeitszeit in die Produktentwicklung sowie in Förderprojekte. So hatten wir das nicht geplant.“

Mittelfristig sehen aber auch die Gründer von memetis die Zukunft optimistisch. Ihre Produktlinie könnte durch die Pandemie sogar noch attraktiver werden: „Vereinfacht gesagt sorgen unsere Miniaturventile dafür, dass Flüssigkeiten richtig gesteuert werden, was sich ideal für die medizinische Diagnostik eignet. Zukünftig wird es etwa tragbare Covid-19-Diagnosegeräte geben, die auf einem Fluidsystem basieren“, so Wessendorf. Bereits im Juni verhandelte memetis über strategische Kooperationen, um die Märkte „Medical“ und „Analytical“ entsprechend zu bedienen.

Donnerstag, 1. Oktober, 2020
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Geschrieben von: Gastautor