CAMPUS, GESICHTER

Mit einem kleinen Pieks Leben retten – eine Heldin am KIT

Nathalie Zoz studiert im sechsten Semester Germanistik am KIT. Sie war schon immer sehr kreativ und möchte Journalistin werden. Vor ein paar Jahren rettete sie einem kleinen Mädchen mit einer Stammzellspende das Leben.

Fotos: privat
Text: Sandra Wiebe, Nathalie Zoz


Warum hast du dich bei der DKMS registrieren lassen?
Im März 2015, kurz nach meinem 18. Geburtstag, bin ich über Social Media auf eine Typisierungsaktion der DKMS (Anm. d. Red.: eine gemeinnützige Organisation zur Unterstützung von Knochenmarkspenden) in Stuttgart aufmerksam geworden. Die Aktion war für eine an Leukämie erkrankte junge Mutter. Das hat mich ziemlich berührt. Da ich mich vorher bereits grob mit dem Thema auseinandergesetzt hatte, wusste ich, was die DKMS ist und dass ich mich registrieren lassen möchte. Ab 18 Jahren ist dies möglich. Ich dachte immer: „Hey, Blutkrebs kann jeden treffen. Meine Eltern, Freunde und ja… auch mich selbst.“ Und wie glücklich muss man sein, wenn es da draußen jemanden gibt, der bereit ist, dir das Leben zu retten? Wie glücklich muss man sein, wenn du jemandem das Leben retten kannst?

Wie hast du erfahren, dass du Spenderin wirst?
Zunächst habe ich mich bei der Typisierungsaktion registrieren lassen. Vier Wochen später bekam ich einen Brief mit meiner Karte und war nun offiziell in der Kartei der DKMS aufgenommen. Einen Tag später schaute ich in mein E-Mail-Postfach und konnte meinen Augen nicht trauen: Ich hatte tatsächlich einen Tag nach der offiziellen Registrierung die Nachricht erhalten, womöglich für einen Patienten als Spenderin infrage zu kommen. Jetzt mussten erstmal einige wichtige Untersuchungen stattfinden. Die Gewebemerkmale des Patienten und des Spenders müssen nahezu 100 Prozent übereinstimmen. Das ist quasi wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen!

Voruntersuchungen zeigten, dass meine Genmerkmale wirklich passen. Ich hatte am ganzen Körper Gänsehaut. Wann hat man schon die Möglichkeit, Leben zu retten?

Mit der DKMS machte ich dann den Termin für die Spende aus. Am 10. August 2015 sollte es soweit sein. Bei weiteren Voruntersuchungen wurde ich von oben bis unten durchgecheckt, um sicherzustellen, dass ich gesund bin und der Spende somit nichts im Wege steht. Das ist übrigens auch echt schön zu wissen, dass man kerngesund ist! Ich musste jede Menge Papierkram ausfüllen und ganz viel lesen, von möglichen Nebenwirkungen bis hin zu „Machst du die Spende wirklich?“.

Wie ist die Spende abgelaufen?
Bei mir wurde die periphere Stammzellentnahme durchgeführt. Hierbei muss man sich fünf Tage vor der Spende morgens und abends eine Spritze ins Bauchfett geben. Die Spritze enthält einen Wachstumsfaktor, der die Stammzellen im Körper vermehrt. Hierzu sollte ich – für alle Spritz-Angsthasen – erwähnen, dass ich mir wirklich absolut nicht vorstellen konnte, mir selber Spritzen zu geben! Was das angeht, bin ich ein echter Feigling. Aber nützt ja nichts, also bin ich über meinen eigenen Schatten gesprungen und habe mir beim Arzt zeigen lassen, wie ich die Spritzen setzen muss. Das Ende vom Lied: Es war die einfachste Sache der Welt und überhaupt nicht schlimm!

Und dann war er da, der 10. August 2015. Der Tag meiner Spende. Ich war extrem aufgeregt. Bei der peripheren Stammzellentnahme  wird an beiden Armen ein venöser Zugang gelegt: An einem Arm wird das Blut sozusagen „rausgezogen“, die Stammzellen werden herausgefiltert, und am anderen Arm läuft das Blut wieder rein. Währenddessen liegst du als Spender in einem Bett, hast vor dir deinen eigenen Fernseher mit Filmauswahl und bekommst ständig Snacks angeboten. Gibt es etwas Besseres?! Es tat auch gar nicht weh und ich habe mich zu keiner Sekunde unwohl gefühlt. Viel eher dachte ich: „Wie? Das ist es? So einfach?“. Meine Spende hat knapp fünf Stunden gedauert. Das ist übrigens auch das Limit, reichen die Stammzellspenden nicht aus, spendet man am darauffolgenden Tag nochmals. Nach der Spende war ich etwas müde, aber ansonsten ging es mir super.

Was weißt du vom Empfänger?
Nach der Spende wurde mir gesagt, dass ich bald einen Anruf bekommen werde, um zu erfahren, wohin meine Spende geht. Man fragt sich die ganze Zeit, wer dieser Jemand da draußen ist. Ist es ein Vater? Eine Großmutter? Jemand in meinem Alter? Wo wohnt mein Gen-Zwilling und was denkt er wohl, wer ich bin? Nach der Spende erfährt man nur das Geschlecht, das Alter und die Herkunft des Patienten.

Ich habe dann am Telefon Folgendes erfahren: Meine Spende bleibt innerhalb Deutschlands und geht an ein kleines vierjähriges Mädchen. Ich musste heftig schlucken. An ein vierjähriges Mädchen? Einerseits fand ich die Tatsache einfach nur schrecklich! Warum muss ein so kleines Wesen so etwas Tragisches durchleben? Andererseits war ich unendlich glücklich, da ich die Möglichkeit hatte, einem kleinen Mädchen und damit womöglich der ganzen Familie das Leben zu retten. Das ist ein unfassbar tolles Gefühl, das ich nicht wirklich in Worte fassen kann.

Da meine Spende in Deutschland blieb, war es mir erlaubt, anonym Briefkontakt aufzunehmen. Das ist von Land zu Land unterschiedlich. In Deutschland beträgt die Anonymitätsfrist zwei Jahre, danach darf man sich persönlich kennenlernen. So begann eine zweijährige anonyme Blutsschwestern-Brieffreundschaft!

2017 verstrich dann auch die Anonymitätsfrist. Im November 2017 habe ich meine kleine Heldin das erste Mal getroffen. Und diesen Moment kann ich definitiv nicht in Worte fassen! Wenn plötzlich das Kind, dem du das Leben gerettet hast, vor dir steht und du in die dankbaren Augen der Eltern blickst, ist das ein unbeschreibliches Gefühl! Aber das war erst der Anfang: Viele, viele, viele weitere Treffen später war ich dann vergangenen September auf der Einschulungsfeier. Und wenn du dann ganz stolz auf der Bühne deine kleine Heldin mit ihrem Marienkäfer-Schulranzen siehst und neben ihrer Mutter sitzt, die dir mit glasigen Augen erzählt, dass sie das nur dir zu verdanken haben, erahnst du einen Bruchteil von dem, was du mit einem kleinen Typisierungspieks im März 2015 in Bewegung gesetzt hast.

Meine kleine Freundin und ich wohnen nur etwa eine Stunde voneinander entfernt, was es natürlich erleichtert, sich öfters zu sehen. Nun ja, was soll ich sagen? Ich habe einem kleinen Mädchen das Leben gerettet und ich habe jetzt plötzlich so etwas wie eine kleine Schwester oder um es in den Worten meiner Blutsschwestern-Mama zu sagen: „Du gehörst zu unserer Familie!“

Auch du kannst zum (potenziellen) Helden werden: Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) am KIT organisiert regelmäßig Blutspenden. Bei der Blutspende kannst du auch typisiert werden, um als potenzielle Knochenmarkspenderin oder potenzieller Knochenmarkspender Leben zu retten.

Weitere Informationen unter www.asta-kit.de/de/blutspende

Montag, 8. April, 2019
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Geschrieben von: Sandra Wiebe
Sandra Wiebe studierte Germanistik am KIT und ist seit Juli 2017 als Volontärin in der Abteilung Strategische Entwicklung und Kommunikation – Gesamtkommunikation am KIT angestellt.