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KIT Studis im Ausland: Rafael Schreiber in Indien

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Rafael Schreiber studiert Wirtschaftsingenieurwesen am KIT. Im Rahmen der Direktkooperation des KIT mit dem Indian Institute of Technologie Madras (IITM) in Chennai verbrachte er ein Auslandssemester in Indien, wo er Kurse im Bereich Maschinenbau, Luft- und Raumfahrt und Geisteswissenschaften belegte. Mit Tu-Mai Pham-Huu sprach er über seine Erfahrungen.

Text und Fotos: Rafael Schreiber

 

 

Wie bist du auf Indien gekommen?
Schon vor Beginn des Studiums habe ich mir in den Kopf gesetzt, ein Auslandssemester zu machen. Eine große Rolle spielen dabei sicherlich die Geschichten und Erfahrungen meiner Brüder von ihren Auslandsaufenthalten – aber auch die Idee, neue Menschen und eine andere Kultur, Lebens- und Denkweise kennenzulernen, begeisterte mich sehr.
Bei der Recherche, welche Möglichkeiten es am KIT gibt, bin ziemlich schnell am Abenteuer Indien hängengeblieben. Mit Chennai hat das KIT die einzige indische Kooperation. Chennai ist die viertgrößte Metropole Indiens mit mehr als acht Millionen Einwohnern. Ein weiterer Reiz war für mich die unheimliche Vielfalt an Kulturen, die sich von den westlichen unterscheiden. Ich glaube, in Indien tickt die Uhr noch ein bisschen anders – und genau das wollte ich erleben und erfahren.

 

Wie war die Atmosphäre an deiner Partner-Uni?
Obwohl das IITM direkt in der Innenstadt von Chennai liegt, ist der Campus ziemlich abgeschottet: Es gibt verschiedene Eingänge und wenn man als „Fremder“, also nicht Student o.ä. den Campus betreten will, muss man sich ausweisen.
Das Campusgelände ist riesig, bewaldet und liegt direkt neben einem Nationalpark. Zum Vergleich: Der Campus Süd am KIT hat weniger als einen Quadratkilometer, das IITM umfasst 2,5 Quadratkilometer.

Es gibt alte und neue Gebäude, zudem werden an allen Ecken weitere Gebäude gebaut. Die meisten Studierenden leben auf dem Campus in Hostels, wo sie ein einfaches Zimmer haben. Frühstück, Mittag- und Abendessen gibt es in einer der vier verschiedenen Mensen, dem Food Court oder anderen indischen Imbissen auf dem Campus. Die Studierenden werden jeweils einer Mensa zugeteilt für ein Semester – wollen Sie die Mensa wechseln, müssen sie sich dafür die Erlaubnis von Professoren einholen.
Um hier zu studieren und zu leben braucht man den Campus nicht zu verlassen: es gibt alles vor Ort.Vom Supermarkt über den Schreibwarenladen, in dem man eigentlich wirklich alles kaufen kann, z.B. auch Matratzen, bis hin zum Friseur und mehreren Fahrradreparaturladen. Daher ist in den Cafés und Restaurants auf dem Campus immer ziemlich viel los.

  • Impressionen vom Campus

Welche Unterschiede fielen dir im Vergleich zur deutschen Uni am meisten auf?
Der größte Unterschied für mich war die Anwesenheitspflicht in allen Kursen. Man muss 85 Prozent anwesend sein – je nach Professor wird das sehr ernst genommen. Außerdem hat eine Unterrichtsstunde nur 50 Minuten und es gibt in den meisten Kursen zwei Zwischenprüfungen während des Semesters.
Die Qualität der Kurse in den Ingenieursfächern ähnelt ziemlich denen vom KIT, doch die Lehrmethoden unterscheiden sich. In den meisten meiner Kurse wurde auf Tafelanschriebe viel Wert gelegt, dementsprechend war Mitschreiben quasi Pflicht. Es gibt wenige große Hörsäle, sondern viele kleine Klassenräume. Außerdem werden die Tutorien vom Professor selbst gehalten.

 

Was waren die größten Herausforderungen für dich während deines Auslandsaufenthalts?
Die größte Herausforderung war der allererste Tag in Delhi, auf dem neuen Kontinent. Ich hatte einen 12-stündigen Zwischenstopp und habe diesen genutzt, um mir die Stadt anzuschauen.
Ich dachte, mich auf vieles mental vorbereitet zu haben, trotzdem haben mich die Eindrücke überwältigt. Leute schlafen einfach auf dem Gehsteig an einer stark befahrenen Straße, ich wurde in ein Pseudo-Touristenbüro gelockt, es gibt viele Bettler und Obdachlose, extrem viel Müll auf den Straßen und fürchterliche Gerüche. Aber man trifft auch viele nette und wirklich hilfsbereite Menschen und ich konnte eine der größten Städte der Welt erleben – auf eigene Faust.

Delhi Red Fort

 

 

Welches war dein schönstes Erlebnis in Indien?
Es gibt zwei: Zum einen eine aufregende Tour alleine von der Ostküste von Chennai zur Westküste nach Kochi. Auf diesem Trip konnte ich unheimlich viele Inder und andere Reisende kennenlernen. Als persönliches Highlight habe ich außerdem eine kleine Herde wildlebender Elefanten getroffen.
Das zweite Erlebnis war eine Wandertour im Himalaja mit neun Kommilitonen. Wir haben den 4899 Meter hohen Bhabha-Pass überquert, malerische Landschaften durchwandert und wie im Abenteuer gezeltet und gekocht – abgeschnitten von jeglicher Zivilisation.

 

 

 

Welche liebenswerten Angewohnheiten haben die Menschen in Indien und welche Angewohnheiten kamen dir erstmal komisch vor?
Die wohl liebenswerteste Angewohnheit ist vermutlich die Gastfreundschaft, die ich auch mehrmals selbst erfahren durfte. Highlight war dabei die Einladung auf eine muslimische Hochzeit, nachdem ich mit einer Gruppe von Kommilitonen den Bräutigam zufällig am Vorabend kennengelernt habe.

Eine Angewohnheit die mir erstmal fremd war, sind Fragen über die Eltern, wo sie leben und was sie arbeiten. In Indien gilt dies als freundlich und zeigt Interesse. Für mich war es zu Beginn ziemlich seltsam, jedoch kommt man so mit den verschiedensten Leuten in Bus, Zug und Flugzeug super einfach ins Gespräch.

 

 

Hochzeitsessen

 

 

Was war der größte Kulturschock für dich?
Ich würde vielleicht eher von Kulturunterschied sprechen: Einen meiner Kurse habe ich mit Erstsemesterstudenten belegt. Diese haben mir erzählt, dass sie noch nie auch nur einen Schluck Alkohol getrunken haben. Das liegt zum einen daran, dass die Jugend stark auf einen elitären Universitätsabschluss ausgerichtet wird und zum anderen wird der Verkauf von Alkohol in Tamil Nadu und auch anderen Staaten in Indien von der Regierung kontrolliert. Alkohol ist daher vergleichsweise teuer und nur in speziellen „Liquor Shops“ erhältlich.

 

Ist es einfach, Kontakt zu einheimischen Studis zu schließen oder bleiben die „Auswärtigen“ eher unter sich?
Bei der Ankunft hat jeder Student einen Buddy zugeteilt bekommen, der beim Erledigen der Anmeldungsunterlagen geholfen hat. Das war wirklich auch notwendig, da man etliche Formulare ausfüllen und verschiedenste Unterschriften einsammeln musste. Indien kann sehr bürokratisch sein.
Durch den Buddy bekommt man so schon einmal einen sehr guten Einblick ins Unileben und er hilft auch dabei, neue Kontakte zu knüpfen. Darüber hinaus war es am besten, in den Kursen und dem Unisport meine Kommilitonen kennenzulernen. So durfte ich aus erster Hand das indische Unileben erfahren und miterleben.

 

Welche Tipps kannst du anderen Studis mit auf den Weg geben, die auch nach Indien möchten?
Zeit mitbringen: Hier kann alles etwas länger dauern, sei es die Busfahrt, bei der man für 200 Kilometer auch mal 11 Stunden unterwegs ist wie bei meinem Trip zum Himalaya; in der Stadt stundenlang im Stau zu stehen, sodass man seinen Fernbus verpasst oder Papierkram der erledigt werden muss – alles kann etwas länger gehen als geplant.
Gelassenheit: Um den verpassten Bus wieder einzuholen, kann es durchaus vorkommen, dass man über eine Stunde mit dem Taxi hinterherfährt – auf gut Glück.
Offenheit: Sich auf eine andere Perspektive einlassen. Steht man den Indern offen gegenüber, kann man wirklich viele nette Menschen kennenlernen und viel Spaß haben.

Ich bin nach dem Semester noch zwei Monate durchs Land gereist und würde jederzeit wieder kommen! Natürlich ist nicht alles super in Indien, aber mein Auslandssemester war eine klasse Erfahrung. Das Land ist auf jeden Fall eine Reise wert. Es befindet sich in einem riesigen Wandel zur Industrienation.

Ach so, und um das Essen in Indien in zwei Wort zu beschreiben: einfach wow! Die Gerichte sind sehr vielfältig und an jedem neuen Ort, den ich bereist habe, gibt es eine neue Spezialität.

Wer mehr von meinem Aufenthalt am IITM und meinen Erfahrungen in Indien erfahren möchte darf auch gerne auf meinem Blog vorbeischauen.

 

 

 

  • Chennai

Montag, 18. Dezember, 2017
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