ARBEITSWELT, GESICHTER

KIT-Startup thingsTHINKING: „KI ist kein Voodoo“

thingsTHINKING, eine Ausgründung aus dem KIT, hat mithilfe einer selbst entwickelten Software den GroKo-Vertrag analysiert und festgestellt: Da steckt mehr SPD als CDU/CSU drin. Sven J. Körner, CEO und einer der Gründer, erzählte Autor Denis Elbl, wie aus einer Spielerei in der Mittagspause ein Medien-Hype wurde und warum besser schläft, wer Statistik versteht.

Fotos: emefka Bewegtbildmanufaktur
Text: Denis Elbl

 

 

Eigentlich bedarf es keines Medienrummels, das Thema Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist ohnehin in aller Munde. Und so war es für Georg A. Müller, Mathias Landhäußer und Sven J. Körner, die drei der vier Gründer mit Wurzeln am KIT, nicht mehr als ein Gag, als sie in einer Mittagspause ihre Software den Koalitionsvertrag mit den Parteiprogrammen von SPD und CDU/CSU abgleichen ließen. Wohl noch mehr als das Ergebnis (die Maschine fand im Schnitt zwei- bis dreimal so viele thematische Verbindungen des SPD-Programms im Vertrag als in den Programmen von CDU und CSU) hat sie das Medienecho auf ihre Pressemitteilung überrascht. FAZ, Süddeutsche Zeitung und zahlreiche andere deutsche Medien riefen an, sogar die US-Ausgabe der Financial Times berichtete. „Wir konnten es selbst kaum glauben“, wundert sich Sven noch heute.

 

„Als die KI-Welle kam, sind wir aufs Brett gesprungen“
Dabei war es nur darum gegangen, die Leistungsfähigkeit ihrer KI zu testen. Und tatsächlich lieferte sie ihr Ergebnis in nur wenigen Sekunden. Denn während Computer normalerweise am Verstehen von Texten scheitern, begreift, verarbeitet und verwendet die Software von thingsTHINKING die Semantik von Sprache. Sie ist daher überall dort einsetzbar, wo große Textmengen in kurzer Zeit zu analysieren sind, beispielsweise bei Wirtschaftsprüfern, Steuerberatern und Kanzleien. Schon während des Informatikstudiums am KIT hatten sich Georg, Mathias und Sven damit beschäftigt, wie es gelingen könnte, Computern die Bedeutung von Konzepten in Sprache beizubringen. An eine Firmengründung habe damals aber noch keiner gedacht; Sven und Mathias promovierten bei Professor Walter Tichy am Institut für Programmstrukturen und Datenorganisation des KIT und hatten Lehraufträge inne, waren später in Unternehmen angestellt. „Die Gründung war nicht geplant“, erinnert sich Sven.

 

Im kritischen zweiten Start-up-Jahr, aber mit Enthusiasmus und Spaß bei der Sache: (v.l.n.r.): die thingsTHINKING-Gründer Dr. Mathias Landhäußer, Dr. Sven A. Körner, Georg A. Müller und Abdelmalik el Guesaoui  (Foto: emefka Bewegtbildmanufaktur)

 

 

Für den „goldenen Käfig“ einer Festanstellung habe er sich aber zu jung gefühlt, und auch forschen ohne direkten Anwendungsbezug sei ihm zu wenig gewesen: „Forschung im Elfenbeinturm ist das eine, etwas bauen ist etwas ganz anderes.“ Als schließlich die KI-Welle kam, „sind wir aufs Brett gesprungen“. Des Risikos eines potenziellen Scheiterns seien er und die Mitgründer sich voll im Klaren gewesen. „Du musst selbst dran glauben. Wenn ein sicherer Job bis zur Rente dein Ding ist, dann bist du bei einem Start-up halt falsch“, sagt Sven. Doch Enthusiasmus, Idealismus und vor allem das Vertrauen in ihre Produkte überwogen. Des Geldes wegen sei ohnehin keiner dabei, denn Festanstellungen sind in der IT-Branche in der Regel deutlich besser dotiert – und das Wissen, mit ihren Fähigkeiten dort im Falle des Scheiterns jederzeit einen Job zu finden, gibt den Gründern und ihren Mitarbeitern zusätzlich Sicherheit.

 

Die Region bietet dank des KIT ein optimales Umfeld
Bislang ist die Rechnung aufgegangen. Mithilfe zweier privater Investoren im Februar 2017 gegründet, liegt das Start-up im Soll und wächst – planmäßig – langsam; die Mitarbeiterzahl soll in Kürze von sechs auf acht steigen. Bewerber kommen inzwischen proaktiv auf thingsTHINKING zu, was Sven auch auf den „Coolness-Faktor“ eines Start-ups zurückführt. Dass der Standort Karlsruhe gesetzt ist, sei nicht nur ihrer eigenen Herkunft geschuldet. Die Region biete auch dank des KIT und seiner Informatiker ein optimales Umfeld und ein Reservoir an gut ausgebildeten Mitarbeitern. „Aber Wachstum ums des Wachstums willen wird es bei uns nicht geben“, versichert er – gerade jetzt nicht, da thingsTHINKING ins „verflixte zweite Jahr“ eingetreten ist, in dem etwa ein Drittel aller Start-ups scheitert. „Wenn du dich mit dieser statistischen Tatsache arrangiert hast, schläfst du ruhig. Als Informatiker verstehen wir genug von Mathematik, um mit Statistik klar zu kommen“, meint Sven augenzwinkernd.

 

„KI ist keine Magie bei Mondschein, sondern Mathematik“
Wie aber bewegt sich ein Start-up in einem Umfeld, in dem selbst viele IT-ler nicht verstehen, was KI ist und kann? Ihre wichtigsten Verbündeten hätten sie derzeit auf der operativen Ebene, bei denen, die wissen, wie sehr ihnen diese disruptive Zukunftstechnologie helfen könnte. Und ein wenig helfe auch der Groko-Rummel; die Berichterstattung sei eine Art „Qualitätsstempel“. „Wir haben das in den Kundengesprächen, die wir seither geführt haben, nie erwähnt, aber einige Kunden haben uns darauf angesprochen“, schmunzelt Sven. „Manche Projektleiter sagen jetzt zu ihren Chefs ‚Beeilt euch, die haben bald keine Zeit mehr für uns‘.“

 

„Die Hirne müssen wir hierbehalten“
Dass viele Ingenieure so wenig Verständnis und Interesse für KI hätten, sieht Sven kritisch. „Nicht jeder muss das Thema vollständig durchdringen. Es versteht auch nicht jeder, wie ein Auto genau funktioniert, aber das Prinzip – Benzin verbrennt, Kolben übertragen die frei gewordene Kraft auf die Antriebswelle – kennen viele. KI ist keine Magie bei Mondschein, sondern Mathematik.“ Ein Grundverständnis von KI sollten auch Ingenieure haben, sonst drohe Europa den Anschluss an die USA zu verlieren. Selbst der fast schon legendäre Tesla-Gründer Elon Musk, der seine Warnung vor den Risiken des Einsatzes künstlicher Intelligenz erst unlängst erneuert hat, hat das Potenzial erkannt und investiert in die Forschung. Um nicht wie in anderen Technologiefeldern global abgehängt zu werden, sollten europäische Unternehmen sich an dieser Risikobereitschaft ein Beispiel nehmen: „Die Hirne dafür haben wir, gerade am KIT. Wir müssen sie nur hierbehalten.“

 

Mehr Informationen: www.thingsthinking.net

 

Im Interview in der Süddeutschen Zeitung erklärt Sven Körner die Analyse des Koalitionsvertrages.

Montag, 5. November, 2018
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