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KIT-Alumni Lebenswerk: Paul Joachim Folberth

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Wie kommt man von Transsylvanien ans KIT und anschließend nach Kanada, Italien, Brasilien, Paraguay, Mexiko und Peru? KIT-Alumnus Paul Joachim Folberth, nun stolze 92 Jahre alt, berichtet in clicKIT, wie ihn sein Berufsweg um den halben Erdball und zurück gebracht hat.

Fotos: privat

 

Paul Folberth begann sein Studium am KIT – damals noch Technische Hochschule Fridericiana zu Karlsruhe – nach dem zweiten Weltkrieg im Jahr 1946, nachdem er aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte. „Zu dieser Zeit gab es noch einen Lehrstuhl für Stahl-, Holz- und Steinbau“, erinnert er sich. „Ein Diplom aus Karlsruhe war schon damals sehr angesehen: Egal wo ich mich bewarb, ob in Deutschland oder Übersee, ich wurde immer sofort angenommen.“

 

Tauschgeschäfte für die Studienfinanzierung
Die Zeiten waren hart: Viele Dinge, die für heutige Studierende selbstverständlich sind, waren Mangelware. „Es gab nichts zu kaufen. Alles musste eingetauscht werden. Einen Hut, ein Geschenk meines Onkels, habe ich gegen einen Zirkel eingetauscht. Ein Paar schöne Lederhandschuhe gab ich für ein Reißbrett, eine Reißschiene und zwei große Dreiecke her. Anders waren die Sachen, die ich zum Studieren brauchte, nicht zu bekommen.“

Folberth wusste schon früh im Studium, worauf es ankam: Um in den überfüllten Vorlesungen noch etwas von den Vorträgen mitzubekommen, saß er am liebsten vor der ersten Bankreihe in der Nähe des Dozenten – auf einem Klappstuhl.

 

Der erste Job in Kanada
Nach seinem Abschluss wanderte er nach Kanada aus, wo er innerhalb von nur drei Tagen eine Anstellung fand. Er lernte Englisch und entwarf fortan Staudämme und Wasserkraftanlagen in Kanada und Pakistan.

Obwohl er kein Kanadier war, durfte Folberth 1955 an einem traditionellen kanadischen Universitätsritual teilnehmen, dem „Ritual of the Calling of an Engineer“. Durch diese Zeremonie sollen junge kanadische Ingenieursabsolventen ein Bewusstsein für Professionalität und Berufsehre entwickeln. Als Zeichen für die Teilnahme erhalten die Teilnehmer einen eisernen Ring. Folberth erzählt mit Stolz: „Von da ab hielt ich mich an den Schwur, womit ich bis heute eine hohe Ehrlichkeit in meinem Beruf eingehalten habe.“

 

 

Doktortitel in Italien und ab nach Kolumbien
Seiner damaligen Frau zuliebe kehrte Folberth Anfang der 1960er Jahre nach Europa zurück, wo er an der Universität von Mailand den Doktortitel erwarb. 1966 ging es wieder zu seinem alten Arbeitgeber nach Kanada, wo er schnell ein spannendes Projekt bekam: eine Wasserkraftanlage mitten im Urwald in Kolumbien bauen. „Ich sollte den kolumbianischen wie auch den kanadischen Teil beaufsichtigen“, beschreibt Folberth die Aufgabe. „Also pendelte ich in den nächsten drei Jahren zwischen Kanada und Kolumbien.“

 

 

 

Das Leben im Urwald
Die Pendelei sollte 1969 ein Ende haben: Mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter siedelte er nach Kolumbien um, weil der Bau des Wasserkraftwerkes seine ständige Anwesenheit erforderte. „Leider hielt meine Frau das Leben im spanischen Milieu nur ein Jahr aus“, bedauert er. Die Ehe wurde geschieden und Frau und Kind kehrten nach Deutschland zurück. Folberth blieb. Seine zweite Frau, eine Kolumbianerin, zog zu ihm in den Urwald.

1974 wurde die Wasserkraftanlage eingeweiht. Folberth erinnert sich gerne daran: „Es fand eine große Feier mit viel Pomp statt.“ Weiterhin lief es gut für ihn: Das nächste internationale Mammutprojekt schloss sich direkt an. Brasilien und Paraguay errichteten ein Wasserkraftwerk am Fluss Paraná, der die Grenze zwischen beiden Ländern bildet. Die nächsten Jahre arbeitete Folberth als Subdirektor an der Erstellung des Wasserwerkes Itaipú: „Ich koordinierte vier brasilianisch-paraguayischen Ingenieurfirmen, die das Wasserkraftwerk konzipierten, sowie ein italienisches Ingenieursteam, das die Umleitung des Flusses konzipierte.“

 

 

 

 

Gefragter Experte auf seinem Gebiet
Im Laufe seines Berufslebens entwarf Folberth rund 30 Wasserkraftwerke und wurde zunehmend auch als Berater tätig – unter anderem bei einem Projekt, in dem es um die Erweiterung des Panama-Kanals ging.

 

 

 

Entwurf einer Sparschleuse für den Panama Kanal 2003

 

 

 

Zum 40-Jahresjubiläum des Wasserkraftwerks Itaipú übergab der Präsident von Paraguay höchstpersönlich Paul Folberth eine Goldmedaille für seine Hauptrolle beim Bau der monumentalen Anlage. Anschließend hielt der damals 89-Jährige in der Universität von Asunción einen Vortrag, für den er ebenfalls eine Auszeichnung erhielt.

Er arbeitete bis ins hohe Alter: „Nach 58 Berufsjahren ging ich 2008 mit 83 Jahren schließlich in den Ruhestand“, blickt er auf sein Arbeitsleben zurück. „Meine Arbeitsjahre führten mich nach Kanada, Italien, Deutschland, wieder nach Kanada, Kolumbien, Brasilien, Paraguay, Argentinien, die Dominikanische Republik, den USA und Mexiko”, fasst er noch einmal zusammen. Dafür musste er in seinem Leben sehr viele Sprachen lernen: “Ich kann jetzt neben Deutsch und Englisch auch Rumänisch, Ungarisch, Franzôsisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch”, sagt er. Heute lebt Paul Folberth mit seiner Frau Libia in Kolumbien.

Paul Folberth steht für Studierende, die sich mit ihm austauschen möchten, gerne zur Verfügung.

 

 

 

Paul Folberth mit Gattin Libia am 90. Geburtstag

Montag, 13. November, 2017
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Tu-Mai Pham-Huu

Geschrieben von: Tu-Mai Pham-Huu
Tu-Mai Pham-Huu ist Redakteurin am KIT. Sie hat Psychologie in Heidelberg studiert und an der Burda Journalistenschule volontiert.