ARBEITSWELT, GESICHTER

Fleischersatz: Deutschlands erste intelligente Insektenfarm

60,2 Kilogramm Fleisch verzehrten die Deutschen 2018 laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im Schnitt pro Kopf. Viehhaltung und Futtermittelherstellung belasten mit Treibhausgasen und Waldrodungen das Klima. Eine Alternative könnten Insekten sein: Sie sind nicht nur reich an Proteinen, sondern auch nachhaltig und klimafreundlich in der Züchtung. Vier Alumni des KIT wollen nun in großem Stil Mehlwürmer züchten.

Fotos: Robert Fuge, Magali Hauser
Text: Sarah Werner

Marcel Lieber, Lucas Hartmann, Leo Flohr und Chantal Brandstetter haben sich 2019 zusammenschlossen, um Deutschlands erste smarte Insektenfarm aufzubauen: Mit ihrem Start-up Cepri wollen sie die Zucht und Weiterverarbeitung von Mehlwürmern etwa zu Mehl oder gesunden Snacks voll automatisch gestalten. So kann ein intelligentes System beispielsweise erkennen, welche Mehlkäfer die meisten Eier legen und erlaubt es daher Mehlkäfer selektiv züchten, ohne Gentechnik einzusetzen: „Mit unserer Technologie, dem Mini-Lifestock-Printer können wir zum Beispiel die Käfer mit der besten Eilege-Effizienz aussuchen und nur noch diese für die weitere Zucht verwenden.“ So können sie sehr viel mehr Mehlwürmer in kürzerer Zeit züchten. „Wir haben Boxen von 60 mal 40 Zentimetern Größe, in der wir bis zu einem Kilogramm Würmer ganz normal aufziehen können. Die Boxen können wir bis zu sechs Meter in die Höhe stapeln. Somit kann man die ganze Aufzuchthalle auslasten.“

Marcel Lieber (mit Urkunde), Chantal Brandstetter und Lucas Hartmann (v.l.n.r.) auf dem KIT-Innovationstag 2019, wo sie im Gründerpitch den Publikumspreis gewannen. (Foto: Magali Hauser)

Marcel Lieber und Lucas Hartmann haben ihren Master in Biologie am KIT gemacht, Leo Flohr in Maschinenbau und Chantal Brandstetter in Lebensmittelchemie. Während des Studiums hörte Lucas von Versuchen, künstliches Fleisch zu züchten: „Da ging es darum, dass mit immensem Aufwand, vielen Forschungsgeldern und natürlich Zeit etwa 50 Gramm künstliches Fleisch produziert wurden. In einem Nebensatz hieß es dann, dass Insekten vielleicht eine Lösung sein könnten. Das hat uns irgendwie angefixt und seit 2017 haben wir uns dann dem Thema gewidmet. Wir dachten, dass das doch nicht sein kann, dass Insekten als Nahrungsmittel bei uns so in Verruf stehen und in Asien selbstverständlich sind. Da war uns klar: Das müssen wir hier in Deutschland auch groß aufbauen.“

Die Idee überzeugte nicht nur beim diesjährigen KIT-Innovationstag, wo Cepri im Gründerpitch den Publikumspreis gewann. Das Projekt wird auch im Programm EXIST-Gründerstipendium durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und den Europäischen Sozialfonds gefördert, um den nächsten Schritt gehen zu können: Mitte 2020 soll die Pilotprojektanlage stehen, am besten in Karlsruhe. „Perfekt wäre, wenn wir zum Beispiel mit Landwirten zusammenarbeiten könnten, die eine Biogasanlage haben. So können wir das Gas zum Heizen und den Strom zum Betreiben der Anlagen nutzen. Nebenprodukte der Zucht, wie zum Beispiel Kot, können wir wiederum an Landwirte als Dünger abtreten.“

Die Gründer sind davon überzeugt, dass die Nachfrage nach ihrem umweltfreundlich erzeugten Produkt steigen wird. „Der Markt für essbare Insekten befindet sich noch in den Kinderschuhen.“ Im Jahr 2018 hatte der Markt für Fleischersatzprodukte ein globales Marktvolumen von 360 Millionen Euro, aber schon im Jahr 2030 sollen es über 7 Milliarden sein. Insekten könnten also das nächste große Ding in der Nahrungsmittelindustrie werden – sei es als Tierfutter oder nachhaltige Alternative zu Fleisch. Doch noch sind Fragen offen: „Wie wächst der Mehlwurm optimal? Können wir die Eilege-Effizienz oder andere Faktoren beeinflussen? Wir entwickeln beispielsweise eine Plattform, mit der wir die Mehlwürmer und -käfer, die sich am besten für die Aufzucht eignen, selektieren“, sagt Lucas Hartmann.

Aus Insekten hergestellte Lebensmittel könnten eine wichtige nachhaltige Nahrungsmittelressource werden. (Foto: Robert Fuge)

Im Handel gibt es bereits Nischenprodukte wie Proteinriegel oder Nudeln aus Insektenmehl. Die Zulassung von Insekten als Nahrungsmittel durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit steht jedoch noch aus. Trotzdem will Cepri mit seiner Insektenfarm durchstarten: „Wir wollen unser System von Anfang an so entwickeln, dass wir die Würmer mit hoher Lebensmittelqualität unter hygienischen Voraussetzungen züchten können, um später einfach darauf vorbereitet zu sein, sobald der Bedarf steigt. Und dass er das tut, davon gehen wir aus.“

Montag, 4. November, 2019
  ARBEITSWELT, GESICHTER


Sarah Werner

Geschrieben von: Sarah Werner