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Erleichterung für geplagte Seelen

Es steht eine Abgabe an, aber du kannst dich nicht aufraffen. Du hast Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Panik vor Prüfungen. Du fühlst dich isoliert und einsam. Hier hilft das Team der Psychotherapeutischen Beratungsstelle für Studierende (PBS). Sarah Mall hat mit Leiterin Sabine Köster über die Besonderheiten der psychotherapeutischen Beratung speziell für Studierende gesprochen.

Fotos: Manuel Balzer/KIT, Psychotherapeutische Beratung

 

Steigender Leistungsdruck schlägt sich auf die Psyche nieder
Das junge Erwachsenenalter ist schwierig: Eine Orientierungsphase der beruflichen Perspektivenfindung, des Abnabelns von Zuhause, des Einfindens in neue Umgebungen und Strukturen. Eigenverantwortung zu übernehmen und den Anforderungen des Studiums gerecht zu werden sind typische Ersti-Probleme, aber auch Absolventen oder höhere Semester kann die Krise treffen.

Wenn kurz vor Ende des Studiums das Gefühl aufkommt, falsch in diesem Bereich zu sein oder im ausgewählten Zweig kein Geld verdienen zu können, kriechen Versagens- und Zukunftsängste ins Unterbewusstsein.

„Themen sind bei Studierenden häufig Lern- und Prüfungsprobleme. Dahinter stecken die unterschiedlichsten Ursachen. Darum ist es wichtig, mit dem Einzelnen zu sprechen“, betont Sabine Köster.
Neben Gruppenangeboten oder Round-Table-Runden zum Austausch liegt der Schwerpunkt der täglichen Arbeit in der PBS deshalb seit 40 Jahren auf dem Beratungsgespräch. Die Nachfrage steigt stetig. Sabine Kösters Erklärungsversuch: „Es wird mittlerweile schneller brenzlig im Studium, der Puffer fehlt. Ein Semester durchzuhängen kann sich niemand mehr leisten, es zählt alles für später.“

Psychische Probleme von Studierenden müssen nicht aufs Studium bezogen sein
Wer die Beratungsstelle aufsucht, muss nicht zwingend hochschulbezogene Themen besprechen wollen. Eines der häufigeren Probleme ist laut Sabine Köster Depressivität im Studium: „Die Betroffenen haben das Gefühl, ihre Lebensfreude verloren zu haben, wissen nicht mehr, warum sie überhaupt studieren oder ob es das Richtige ist.“

Viele Studierende haben Schwierigkeiten im sozialen Bereich – Einsamkeit, Liebeskummer, familiäre Probleme, Überforderung im Spagat zwischen Job, Studium und Privatleben, bis hin zu psychischen Erkrankungen und Krisen. Schließlich gehört zum Studium auch das Leben außerhalb von Lehrveranstaltungen und Bibliothek: „Studierfähigkeit heißt auch, herauszufinden: Wer bin ich überhaupt, was ist mein Kurs, was will ich machen, welche Interessen habe ich? Einen Freundeskreis aufbauen, einen Partner finden – diese Themen beschäftigen viele“, so Sabine Köster.

 

 

Das Team der Psychotherapeutischen Beratung

 

Beratung statt Ratschläge
Häufig erwarten sich Studierende von der Beratung Tipps, eine Empfehlung oder ein Rezept zur Besserung ihrer Situation. Etwas Hilfreicheres als das Übliche „steh doch früher auf, mach mal mehr Sport, setz dich einfach hin und leg los“ von Eltern oder wohlmeinenden Kommilitonen. Die 10 besten Tipps gegen Prüfungsangst gibt es auch online – helfen können sie nicht immer. Sabine Köster vergleicht ihre Beratungsstrategie mit dem Schuhkauf: „Was dem einen guttut, passt dem anderen überhaupt nicht.“ Es gibt kein standardisiertes Vorgehen, sondern unterschiedliche Ansätze für sehr diverse Probleme.

Neutrales Verbindungsglied zwischen Hochschule und Therapeut
„Wir stehen zwischen den Hochschulen und dem allgemeinen Therapiesystem: Die Beratungsstelle ist ein Angebot des Studierendenwerks, also nicht Teil der Hochschule. Das bedeutet Diskretion – allein schon durch die Lage etwas abseits des Campus. Andererseits sind wir auch nicht im Krankenkassensystem wie Hausärzte oder reguläre Psychotherapeuten“, erklärt die Leiterin der PBS. Darum stellen ihre Mitarbeiter keine Überweisungen aus. Wenn nötig, informieren sie etwa zur ambulanten Therapie und raten an, ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe zu suchen. Sie verweisen an zuständige Stellen innerhalb der Hochschulen – Studienberatung, Beauftragte für Krankheit und Behinderung oder zur Beantragung von Nachteilsausgleichen. Meist hilft es jedoch schon, wenn eine neutrale Person einfach zuhört und die Probleme ernst nimmt.

Psychotherapeutisches Angebot für Studierende

Die Psychotherapeutische Beratungsstelle für Studierende ist ein Angebot des Studierendenwerks Karlsruhe für acht Hochschulen in Karlsruhe und Pforzheim. Wer es in Anspruch nehmen will, muss telefonisch oder persönlich einen Termin zum Erstgespräch vereinbaren. Die Hauptstelle befindet sich in Karlsruhe in der Rudolfstraße 20, die Außenstelle in Pforzheim ist an zwei Tagen pro Woche besetzt. Insgesamt sieben Mitarbeiter verteilt auf fünf Stellen kümmern sich um das psychische Wohlbefinden der Studierenden.

Offen ist die Beratungsstelle für die Betroffenen selbst oder besorgte Familienangehörige, Freunde, Mitbewohner. „Es rufen durchaus auch Lehrende bei uns an, denen Studierende mit ernsthaften Schwierigkeiten auffallen“, ergänzt Sabine Köster. Im Gegensatz zu allgemeinen therapeutischen Angeboten sind die Mitarbeitenden der PBS auf studentische Themen ausgerichtet, kennen sich inder Region Karlsruhe/Pforzheim mit den jeweiligen Institutionen aus und können so auch hochschulintern gezielt an die richtigen Ansprechpartner weitervermitteln.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden sich auf der Seite des Studierendenwerks.

 

 

Montag, 26. Juni, 2017
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Sarah Mall

Geschrieben von: Sarah Mall
Sarah Mall hat zuerst Übersetzung, dann Kultur- und Medienwissenschaft studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin und Texterin in Karlsruhe.