GESICHTER, INTERNATIONAL, STUDIUM

Drachenboot und Drehplatte: China erleben im Doppelmasterprogramm

Nicht nur einen deutschen, sondern auch einen chinesischen Masterabschluss – mit nur einem Studium? Das geht! Felix Batsch hat an einer Kooperation des KIT und der Tongji University in Shanghai teilgenommen. Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen.

Fotos: privat
Text: Tu-Mai Pham-Huu


Angehende Ingenieurinnen und Ingenieure können in Karlsruhe und Shanghai studieren und erhalten einen Masterabschluss der Fachrichtung Fahrzeugtechnik von beiden Universitäten. Felix ist der erste Student des KIT, der dieses Programm von deutscher Seite aus durchlief.


Wie lange warst du in Shanghai und wie sah das „Programm“ dort aus?
Das Doppelmasterprogramm ist ein auf fünf Semester verlängertes Masterstudium, wobei ich in den ersten zwei Semestern am KIT rund die Hälfte der notwendigen Mastervorlesungen besucht habe. Die andere Hälfte der Vorlesungen fand dann in China an der Tongji University statt und im letzten Semester dort dann auch in Abstimmung mit dem chinesischen Professor meine Masterarbeit in der Entwicklungsabteilung von Bosch in Shanghai geschrieben.

Wie kann man sich das Leben an der Tongji University in Shanghai vorstellen?
Die Tongji University ist eine der ältesten und besten technischen Universitäten Chinas. Sie wurde von dem deutschen Arzt Erich Paulun gegründet und hat dadurch seit je her starke Beziehungen zu Deutschland. Es gibt zwei Campusse: Den alten in der Stadt, wo die Geisteswissenschaften angesiedelt sind, und einen sehr großen, neuen Campus in einem Außenbezirk von Shanghai, wo die technischen Fachgebiete vorherrschen.
Generell wohnen die Studenten in China in Wohnheimen auf dem Campus, wo auch ich unterkam. Die Campusse sind schön angelegt, mit vielen Grünflächen und Gewässern und somit ein wundervoller Rückzugsort vom hektischen Leben in der Megacity Shanghai. Am Wochenende kommen deswegen auch oft chinesische Touristen.
Dadurch dass alle Studenten auf dem Campus leben, und es auch dort Supermärkte, mehrere Restaurants und Mensen gibt, ist er wie eine eigene abgeschlossene Gemeinschaft, welche die Studenten kaum verlassen. Andererseits lebt man in einer der größten Metropolen der Welt und alles steht immer und überall zur Verfügung.

  • Chinesische Mauer

Was waren die größten Herausforderungen für dich an dem Auslandsaufenthalt?
Auf Ämtern und in administrativen Organen der Uni werden Abläufe nur genau nach Vorschrift durchgeführt. Dies wurde manchmal problematisch, da die Prozesse für mich als ersten Doppelmasterstudenten den zuständigen Personen nicht bekannt waren. Die sprachlichen Barrieren verkomplizierten dies meist noch. Als Lösung blieb dann oft nur der Gang zum Professor, welcher dann auf höherer Ebene die entsprechende Anweisung geben konnte, wodurch vieles dann plötzlich möglich wurde.

Welches war dein schönstes Erlebnis dort?
In den Semesterferien entschloss ich mich, die Ausläufer des Himalajas im Hinterland der Provinzen Yunnan und Sichuan zu erkunden. Nach mehreren beschwerlichen Reisetagen mit alten Bussen und über unzählige bis zu 4000 Meter hohe Gebirgspässe, erreichte ich eine kleine Stadt, von wo aus ich in ein abgelegenes Tal wandern wollte. Ich war alleine unterwegs und deswegen sehr erfreut,  als ich eine Gruppe junger, chinesischer Studenten fand, denen ich mich für die nächsten Tage anschloss. Gemeinsam bewanderten wir einige Gipfel in der Region und verbrachten nette Abende zusammen. Wir kannten uns vorher alle nicht, doch verstanden uns von Anfang an und stehen immer noch im Kontakt über die chinesische Chat-App WeChat.

Welche liebenswerten Angewohnheiten haben die Menschen in diesem Land?
Außerhalb der Großstädte sind die Menschen Ausländern gegenüber sehr aufgeschlossen und neugierig. Wenn man ein klein wenig Chinesisch spricht oder gewandt im Umgang mit gängigen Übersetzungs-Apps ist, ist es dadurch sehr einfach, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Dort sind die Menschen auch sehr hilfsbereit und scheuen keine Mühen, um einen beispielsweise bis zum nächsten Bahnhof zu begleiten, wenn man nach dem Weg fragt.

  • Avatar Berge

Welche Angewohnheiten kamen dir erst mal komisch vor?
In chinesischen Restaurants bestellt nicht jeder ein Gericht für sich selbst, sondern es wird immer geteilt. Eine Person bestellt eine breite Auswahl an einzelnen Gerichten, die dann am runden Tisch auf die sich drehende Mittelscheibe gestellt werden. Jeder bekommt eine kleine Schüssel voll Reis und nimmt sich dann immer Häppchenweise etwas von den Hauptgerichten in der Mitte. Das macht das gemeinsame Mahl sehr spaßig und interaktiv, da jeder die Mitte beliebig drehen darf.
Ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt das Essen zu teilen und fast nur noch auf diese Weise mit Freunden gegessen. Am runden Tisch zu essen macht die Unterhaltungen viel einfacher, da man jede Person direkt im Blick hat. Auch finde ich es symbolisch sehr schön, an einem runden Tisch zu essen.

Was war der größte Kulturschock für dich?
Traditionell bedingt haben Chinesen ganz andere Sitten entwickelt. Insbesondere die Tischsitten sind den unseren gegenteilig, was zu Beginn durchaus gewöhnungsbedürftig war. Mit der Zeit erfuhr ich jedoch, worauf diese Sitten begründeten und konnte sie dadurch besser nachvollziehen. Es wurde mir hier insbesondere klar, warum die Verständigung zwischen östlicher und westlicher Kultur oft schwierig ist. Programme wie der Doppelmaster sind meiner Meinung nach einmalige Gelegenheiten, um zu dieser Völkerverständigung beizutragen.

War es einfach, Kontakt zu einheimischen Studis zu schließen oder bleiben die „Auswärtigen“ eher unter sich? Welche Programme gibt es, um Kontakte zu knüpfen?
Chinesische Studenten und Studentinnen sind sehr strebsam und hohem Erfolgsdruck ausgesetzt. So ist es schwierig über das StudyBuddy Programm oder in Vorlesungen Kontakt zu Chinesen zu knüpfen. Dadurch und durch die Unterbringung aller ausländischen Studierenden im gleichen Wohnheim hat man am Anfang vor allem Kontakt zu anderen Ausländern.
Viel einfacher war es dann Kontakt zu chinesischen Kommilitonen in Sportteams zu schließen. Ich trat dem American Football Team und dem traditionellen Drachenboot Team der Uni bei. Dort herrschte eine viel lockerere Atmosphäre, und man ging öfters nach den Wettkämpfen gemeinsam essen. Insbesondere das Rudern im Wettkampf während des Drachenbootfests war ein Höhepunkt meines Aufenthalts.

Welche Tipps gibst du anderen Studis mit auf den Weg, die auch in dieses Land möchten?
Grundkenntnisse in Chinesisch sind unglaublich wertvoll am Anfang, da selbst in den Großsstädten wie Shanghai fast alles auf Chinesisch ist. In China lernt sich Chinesisch im täglichen leben dann aber sehr schnell, es ist also kein Muss.
Hilfreich ist es auch, schon mal vorab zu lernen, mit Stäbchen zu essen. Obwohl man das hungrig und im Angesicht eines reich gedeckten Tischs schnell erlernt. Messer und Gabel gibt es nämlich in so gut wie keinem chinesischen Restaurant.

Fazit: Wie würdest du deine Erfahrungen mit dem Doppelmaster zusammenfassen?
Trotz manchen organisatorischen Schwierigkeiten möchte ich die Erfahrungen, die ich während des Doppelmasters in China gemacht habe, auf keinen Fall missen. Ich habe viel über die chinesische Kultur gelernt und realisiert, wie wenig unser westliches Bildungssystem uns über Asien lehrt.
Ich kann jedem Studenten nur raten Zeit im Ausland zu verbringen und da bietet sich der IPEK Doppelmaster perfekt an, da die Anerkennung vertraglich geregelt ist und man somit keine Studienzeit „verliert“. Außerdem gibt ein längerer Auslandsaufenthalt in China einem die Möglichkeit, die komplizierte chinesische Sprache grundlegender zu erlernen, als das bei einem Auslandsaufenthalt von ein paar Monaten möglich ist.


Felix Batsch war der erste Student des KIT, der dieses Programm von deutscher Seite aus durchlief – von chinesischer Seite kommen schon seit längerer Zeit regelmäßig Studierende ans KIT. Das IPEK – Institut für Produktentwicklung an der KIT-Fakultät Maschinenbau bietet dieses Doppelmasterprogramm mit der Tongji University in Shanghai an.

Montag, 21. Januar, 2019
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Tu-Mai Pham-Huu

Geschrieben von: Tu-Mai Pham-Huu
Tu-Mai Pham-Huu ist Redakteurin am KIT. Sie hat Psychologie in Heidelberg studiert und an der Burda Journalistenschule volontiert.