GESICHTER

Die grüne Stimmenkönigin

Zoe Mayer hat noch viel vor – im politischen wie im akademischen Leben: Im Mai ist die Wirtschaftsingenieurin als Stimmenkönigin zum zweiten Mal in den Karlsruher Gemeinderat eingezogen, ihre zweite Amtsperiode will sie als Dr. Zoe Mayer abschließen und dafür sorgen, dass das Klimaschutzkonzept der Grünen eine Mehrheit im Kommunalparlament bekommt.

Foto: Anastasiya Sultanova
Text: Regina Link

Als Kommunalpolitikerin hat man viel Arbeit, aber auch das eine oder andere Privileg. „Ich komme gerade aus dem Rathaus“, verrät mir Zoe Mayer. Damit hat es sicher auch zu tun, dass sie so frisch daherkommt, denn dort gibt es eine Klimaanlage, während ich bei deutlich über 30 Grad im Café des Studentenhauses ziemlich ins Schwitzen gekommen bin. Die Wirtschaftsingenieurin ist an Jahren noch jung, aber politisch sozusagen eine alte Häsin. Druckreife Sätze sprudeln nur so aus ihr heraus, sie argumentiert selbstbewusst und gelassen. Kein Wunder, hat sie doch schon neun Jahre bei den Grünen geübt. „Ziemlich cool“ findet angeblich Oberbürgermeister Frank Mentrup Zoe, die bei der Kommunalwahl im Mai 2019 mit 82 304 Wählerstimmen Stimmenkönigin wurde. Neu war ihr zu diesem Zeitpunkt der Rathaussaal schon längst nicht mehr, denn 2015 zog sie als jüngstes Mitglied in den Karlsruher Gemeinderat ein. Aber alle politische Erfahrung konnte sie nicht auf den immensen Wahlerfolg der Grünen in diesem Jahr vorbereiten.

„Wir hatten parteiintern eine Wette laufen“, verrät sie mir. Auf zehn Abgeordnete hatte man getippt, auch auf dreizehn. Dass es dann rund 30 Prozent und damit 15 Abgeordnete wurden, führte zu einer äußerst gehobenen Stimmung bei der Wahlparty. Die grüne Stadträtin bleibt auf dem Boden. „Wir sind extrem motiviert, aber wir wissen auch, dass am Ende etwas dabei herauskommen muss. Demut ist absolut angebracht“, sagt sie und hat schon Pläne: „Ich möchte gerne für das Klimaschutzkonzept der Grünen eine Mehrheit im Gemeinderat bekommen.“ Immerhin hat ihre Stimme jetzt noch etwas mehr Gewicht, denn sie ist die Fraktionsvorsitzende. Jung sein, findet sie, ist dabei überhaupt kein Hindernis: „Klar, die Politik ist dominiert von älteren Herren, ich hatte aber tatsächlich nie das Gefühl, dass ich nicht ernst genommen werde. Vieles in der politischen Arbeit läuft einfach über Kompetenz und Vorbereitung.“

Die Politik fing bei Zoe im Grunde in der sechsten Klasse an. „Meine Herzensthemen waren schon immer Tierschutz und Tierschutzpolitik.“ In ihrer Klasse organisierte sie eine Spendensammlung, bei der 1 000 Euro fürs Tierheim zusammenkamen. „Wie ich das gefeiert habe, kannst du dir kaum vorstellen“, sagt sie und, dass sie dadurch Lust bekommen hätte, mehr zu machen. Das „Mehr“ fand sie bei der Grünen Jugend. „Neben der Schule in einer Gruppe was zu machen, bei dem man das Gefühl hat, echt etwas zu bewegen, das motiviert.“ Und sie erinnert sich „an ein paar schöne Sachen, zum Beispiel eine kleine Anti-Atom-Demo quer durch die Kaiserstraße“.

Genauso zielstrebig wie ihren politischen Weg ging sie auch das Studium an. Ihr Fach wählte Zoe, weil sie etwas für den Klimaschutz tun wollte, ihr zweites „Herzensthema“. Wirtschaftsingenieurwesen kam ihr ideal vor, weil man technische, aber auch wirtschaftliche Kompetenz vermittelt bekommt. „Die Energiewende funktioniert nur, wenn sie wirtschaftlich vertretbar und finanzierbar ist“, sagt sie. Das leuchtet ein. Rückschläge gab‘s freilich auch: „Auf die ersten Semester schaue ich nicht so gerne zurück, einfach weil es eine sehr große Belastung war“, sagt sie. „Mein Tiefpunkt: Statistik 2.“ Das sei ein richtiger Kampf gewesen. Viel Aufwand für wenige ECTS-Punkte. Na ja, sie sieht es pragmatisch: Im Mindesten könne man im Studium lernen, seine Frustrationstoleranz zu erhöhen. Immerhin gab’s nebenher noch das Rathaus, in dem die junge Grüne im Schnitt 20 Stunden pro Woche Kommunalpolitik machte. „In Klausurphasen konnte ich immer etwas abtreten von der politischen Arbeit, meine Fraktion hat mich da auch sehr unterstützt, damit ich im Studium nicht zurückhänge.“ Es hat geklappt: „Von den Leistungen war ich gut dabei, würde ich sagen.“

An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht. Sie hat Grund dazu, denn ihren Master in Wirtschaftsingenieurwesen absolvierte sie mit einer Abschlussarbeit zum Thema Energetische Sanierung in elf Semestern mit 1,0. Soweit, so gut. Aber: „Ich hätte mir im Studium mehr Zeit lassen sollen. Ab und an bin ich schon an meine zeitlichen Grenzen gekommen“, räumt sie ein. Familie, Freundeskreis oder Freizeit fielen zeitweilig komplett hinten runter. Im letzten Jahr hat sie es dann aber doch geschafft, wieder mehr Privatleben zu organisieren. Auch im Fitnessstudio oder auf den Inlineskates kann man Zoe wieder sehen. „Ich habe das Gefühl, dass ich dadurch auch wieder produktiver bin“, stellt sie fest. Diese Produktivität wird sie auch brauchen, denn ihre zweite Amtsperiode will die Wirtschaftsingenieurin als Dr. Zoe Mayer abschließen. Theoretisch könnte sie im kommenden Jahr auch wieder OB-Wahlkampf machen. Dieses Mal ihren eigenen? Sie winkt ab. „Für mich ist das keine Option.“ Sie will nicht zur Berufspolitikerin werden: „Das Wichtigste ist, sich nicht zu sehr davon abhängig zu machen, um am Ende in der Politik zu bleiben. Ich glaube, das ist eine sehr blöde Idee.“

Montag, 5. August, 2019
  GESICHTER


Regina Link

Geschrieben von: Regina Link