CAMPUS, STUDIUM

BrainGain – Elektrotechnik gut erklärt

Wie berechne ich eine Gitterkonstante, wie stelle ich eine Funktionstabelle auf und was ist das Hurwitzkriterium? Für viele Studierende am KIT stellen sich diese Fragen wohl nicht, für angehende Elektro- und Informationstechnikerinnen und -techniker sind sie jedoch ein wichtiger Teil der Ausbildung. Das wissen auch Raphael und Sören. Die beiden 22-Jährigen studieren im fünften Semester Elektro- und Informationstechnik am KIT und teilen ihr Fachwissen auf ihrem YouTube-Kanal BrainGain in praktischen Lernvideos.

Text: Sarah Werner, Fotos: BrainGain

„Wir haben schon in der Schule gemerkt, dass wir deutlich schneller mit Videos lernen, als mit Büchern“, erzählen mir Raphael und Sören. Die beiden kennen sich seit der Oberstufe und sind zusammen zum Studium aus der Umgebung von Köln nach Karlsruhe gezogen. 2015 gründeten die beiden dann ihren YouTube-Kanal BrainGain. Primär für „Spaßsachen“: „Wir haben Videos bei unseren Reisen gedreht, um unseren Eltern und Freunden zu zeigen, wo wir gerade sind und was wir machen.“ Vor zwei Jahren haben die beiden dann angefangen, den Kanal für ihre Lernvideos zu nutzen.

Sören und Raphael kennen sich bereits seit dem Abi und haben den Kanal zunächst für Urlaubvideos genutzt

Die Idee kam im ersten Semester während der Klausurphase, als sie feststellten, dass es zwar Videos zu den Studieninhalten gab, die aber weder auf Deutsch noch auf Uniniveau waren. „Wir haben uns dann gedacht, ‚Wenn es noch keine guten Videos gibt, warum machen wir das nicht selber?‘ Im Fitnessstudio haben wir dann geschaut, was so ein Whiteboard eigentlich kostet, einfach ein paar Sachen gekauft und angefangen.“ Gesagt getan, inzwischenhat der Kanal 2 800 Abonnenten, über 330 000 Aufrufe und um die 300 Videos.

Inzwischen sind die beiden so gut mit Technik ausgestattet, dass jeder in seiner Wohnung Videos drehen kann

Bis aus einer Idee ein Satz von fünf bis zehn Videos auf YouTube wird, brauchen Raphaelund Sören gut zehn bis fünfzehn Stunden. Am Anfang steht das Thema. Das wählen die beiden nach ihrem Studienplan aus, je nachdem, welches Fach am meisten Spaß gemacht hat, welche Inhalte sie in den Tutorien behandeln, die sie geben, was für Klausuren relevant oder für Studierende, die nicht am KIT studieren, interessant sein könnte. Die Vorbereitung geht dann mal schneller, mal langsamer: „Wenn wir ein Thema gut können oder wenn wir es einfach an der Tafel runterschreiben können, dauert die Vorbereitung nur zehn Minuten. Wenn wir mehr in Tiefe gehen oder Grundlagen erklären, brauchen wir länger, wir müssen uns ja erst mal selber wieder in den Stoff einarbeiten.“ Gerade wenn die beiden in der Klausurvorbereitung sind, ist es schwer, Zeit zu finden, um sich zu treffen und gemeinsam an den Videos zu arbeiten. Inzwischen sind die beiden aber so gut mit Technik ausgestattet, dass jeder auch alleine Videos drehen und hochladen kann

Ihre Themen suchen die beiden nach ihrem eigenen Studienplan aus – je nachdem, was am meisten Spaß gemacht hat oder am wichtigsten für eine Klausur ist

„Früher beziehungsweise am Anfang haben wir im Schnitt acht bis zehn Videos auf einmal hochgeladen, seit einem Jahr laden wir fast täglich Videos hoch.“ Die meisten sind in Playlists sortiert, je nach Fach. Inzwischen gibt es bei BrainGain elf Playlisten, mit über 300 Videos zu wichtigen Grundlagen der Elektrotechnik, Digitaltechnik, Hochfrequenztechnik, elektronischen Schaltungen, Festkörperphysik oder Signale und Systeme. Auch wenn Sören und Raphael die Inhalte der Vorlesungen aus dem Studium in ihren Videos erklären, sollen die Videos die Veranstaltungen nicht ersetzen: „Es ist wichtig, dass die Studierenden weiter in Vorlesungen und Tutorien gehen, nur so bekommen sie mit, wenn sich Inhalte ändern oder neue dazu kommen. Unsere Videos sind das ‚bisschen mehr‘, um Themen besser zu verstehen, sie bauen eher auf den Veranstaltungen auf.“ 

Die Videos kommen bei den Kommilitoninnen und Kommilitonen sehr gut an: „Wir kriegen meistens positives Feedback. Auf zehn Likes kommt ein Dislike. Klar machen wir manchmal Fehler in den Aufgaben und durch die Rückmeldungen können wir die korrigieren.“ Inzwischen bekommen die beiden auch viele Anfragen, ob sie alte Klausuren oder bestimmte Übungen vorrechnen können. „Wir können leider nicht allen Wünschen nachkommen. Die Frage ist immer, ‚Können wir mit einem Video nur einer Person helfen oder einhundert?‘“ 

Und wie hat sich der Kanal entwickelt? „Am Anfang hatten wir immer so 20 Aufrufe pro Video, nach einem Monat waren es um die 90. In der ersten Klausurphase ist das dann total hochgeschossen, da hatten wir plötzlich 1 300 Aufrufe am Tag. In der Zeit hatten wir an einem Tag mehr Wiedergabezeit, als der Tag Stunden hat. Das war dann schon ein komisches Gefühl.“ Aktuell sind es bis zu 2 500 Aufrufe pro Tag. Inzwischen haben auch Dozenten von dem YouTube-Kanal mitbekommen und die beiden überlegen, zusätzlich zu den Lernvideos auch Gespräche mit Professorinnen und Professoren einzubinden. Aber jetzt geht es erstmal ins Praktikum für ein halbes Jahr. Raphael geht nach Stuttgart, Sören in die USA. Den Kanal wollen die beiden trotz der Distanz weiter mit ihren Lernvideos füllen und danach in andere Richtungen weiterentwickeln.

Montag, 27. Mai, 2019
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Sarah Werner

Geschrieben von: Sarah Werner