ARBEITSWELT, GESICHTER

Aus dem Hörsaal in die Formel 1

Steffen Winkler lebt einen „Kleine-Jungen-Traum“. Der Alumnus des KIT ist seit September 2018 Ingenieur beim Mercedes-AMG Petronas Formel-1-Team. Sprungbrett in die Elite-Liga des Motorsports war sein Engagement in der Hochschulgruppe KA-RaceIng.

Fotos: privat/Mercedes-AMG Petronas
Text: Felix Mescoli

Für Menschen, die Rennsport lieben, hat der Name einen Klang wie donnernde Motoren: Mercedes-Benz. Im Grand-Prix-Sport hat die Marke eine über hundertjährige Tradition. Fahrer wie Rudolf Caracciola oder Juan Manuel Fangio, die für die Stuttgarter in den 30er und 50er Jahre mit ihren Silberpfeilen über die Rundkurse schossen, haben auf ewig ihren Platz in den Ruhmeshallen des Motorsports. Seit nunmehr einer halben Dekade eilt das heutige Mercedes-AMG Petronas F1-Team von Titel zu Titel. Steffen Winkler, Alumnus des KIT, ist seit September 2018 als Ingenieur bei den Briten tätig.

Er lebe einen „Kleine-Jungen-Traum“, sagt der 25-Jährige, den wir im Auto auf einer Landstraße in der zentralenglischen Grafschaft Northamptonshire während der Fahrt zur Arbeit erreichen. Das erste Mal sei er mit sieben Jahren an einer Rennstrecke gewesen, berichtet der in Markdorf am Bodensee aufgewachsene Winkler. „Ich hätte aber nie geglaubt, einmal selbst für ein Rennteam zu arbeiten. Habe immer gedacht, das ist so weit weg, das schaffen nur so wenige Leute, dorthin zu kommen“, sagt er.

So habe er auch während seiner Zeit am KIT, wo er vom Wintersemester 2012 bis Sommersemester 2018 Maschinenbau studierte, das Berufsziel „Renningenieur“ nicht aktiv verfolgt. Vielmehr hatte er sich dem Rennsport erst nach seinem Abschluss zugewandt – bei KA-RaceIng. Die Hochschulgruppe des KIT tritt als internationales Top-Team mit drei Boliden, einem Benziner, einem Elektro- und einem autonomen Fahrzeug, in der Rennserie Formula Student an. In dem Ingenieurwettbewerb messen sich alljährlich Studententeams aus der ganzen Welt, indem sie Formel-Rennwagen entwerfen, bauen, testen und in Rennen fahren. „Ich wollte mein im Studium erworbenes Wissen praktisch anwenden“, erzählt Winkler.

Dass aus der Liebhaberei schließlich sogar ein Engagement bei einem der größten Player im Motorsport wurde, war „ein glücklicher Zufall“, berichtet Winkler. Ein Freund aus der Formula Student habe ihn auf die Stelle aufmerksam gemacht. Es folgte ein Assessment-Center am Unternehmenssitz von Mercedes-AMG Petronas Motorsport im britischen Brackley. „Zwei Wochen später war alles geregelt“, sagt Winkler, der sich gegen 200 Mitbewerber durchsetzte.

Jetzt durchläuft er ein Trainee-Programm, bei dem er binnen zwei Jahren unterschiedliche Stationen in verschiedenen Abteilungen des Formel-1-Rennstalls durchläuft: „Station eins war bei ‚Race Engineering and Strategy‘. Da habe ich in dem Team mitgearbeitet, das während des Rennens darüber entscheidet, wann die Fahrer in die Box kommen und welche Reifenstrategie gefahren wird.“ Während der Rennwochenenden war Winkler im sogenannten „Race Support Room“, in dem Ingenieure beispielsweise Renndaten der Autos, die von der Strecke live gestreamt werden, an Monitoren überwachen. Also ganz nahe dran am Renngeschehen.

Bei der Arbeit: Steffen Winkler während eines Rennens im Race Support Rooms. (Quelle: Mercedes-AMG Petronas Motorsport/YouTube)

Unter der Woche war Entwicklungsarbeit angesagt: „Wir haben als Team Tools entwickelt, mit denen man die Daten aus den Rennen noch besser verstehen und interpretieren kann.“ Dadurch wollen die Teams einen Zeitvorsprung gegenüber der Konkurrenz herausholen. Zuletzt arbeitete der junge Ingenieur in der Abteilung „Test und Entwicklung“. Hier werden die Autoteile ausgiebig erprobt, bevor sie in den Rennboliden verbaut werden. „Danach geht es weiter mit ‚Design‘, also Entwicklung und Konstruktion sowie ‚Stress‘, wo Teile auf ihre Belastbarkeit geprüft werden.“

Mit der Festigkeit von Faserverbundwerkstoffen hat sich Winkler sowohl im Studium als auch bei KA-RaceIng intensiv beschäftigt. „Aber natürlich gibt es im Maschinenbaustudium keine Kurse für Rennstrategie“, beschreibt Winkler seinen Sprung ins kalte Wasser. „Diese Station war sehr weit weg vom Studium.“ Wie man Probleme grundsätzlich angehe, habe er allerdings schon am KIT gelernt. Auch die am KIT erworbenen Programmierkenntnisse seien hilfreich gewesen. „Die spezifischen Sprachen, die hier gebraucht werden, kannte ich zwar nicht, aber die konnte ich sehr schnell lernen.“

Bei den Materialtests werde er wohl mehr Wissen aus dem Studium anwenden können, erwartet Winkler. „Denn in meiner Masterarbeit habe ich sehr viele Festigkeitsberechnungen mit der Finite-Elemente-Methode gemacht.“ Ähnlich verhalte es sich bei der Entwicklung von Teilen. „Hier werden zwar andere Tools genutzt, als bei uns am KIT, aber mit ähnlichen Grundprinzipien.“

Sein Einsatz bei KA-RaceIng habe ihm den Einstieg zusätzlich erleichtert, meint Winkler. „Das zeigt den Firmen, dass man bereit ist, das nötige Engagement zu liefern.“ Auch kommen ihm die konkreten Erfahrungen aus der Formula Student oft bei der praktischen Arbeit im Formel-1-Team zugute. „Zum Beispiel, dass wir unser Auto regelmäßig auf dem Torsionsprüfstand getestet haben.“ Zwar gelten in der Formel 1 nochmal ganz andere Maßstäbe, was zum Beispiel die Genauigkeit angehe. „Aber es ist sehr hilfreich, wenn man ähnliche Dinge vorher mit limitierten Mitteln gemacht hat.“

Auch mit den Stars des Teams, den Fahrern Lewis Hamilton und Valtteri Bottas, gebe es durchaus ein wenig Kontakt. Für Winkler eine rundum positive Erfahrung. Die Formel 1 sei „schon eine sehr einzigartige Umgebung“, sagt er, aber das interne Bild unterscheide sich schon sehr stark von dem, das gemeinhin in den Medien sichtbar werde. Die Passion, mit der im Team gearbeitet werde, sei aber gewiss keine Marketing-Legende: „Der Job verlangt eine besondere Leidenschaft.“

Ausgelassene Stimmung im Race Support Room nach dem Gewinn der Konstrukteurs-WM 2018. (Quelle: privat)

Montag, 26. August, 2019
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