CAMPUS

Aufstehen für mehr Bewegung

Ob in der Vorlesung, beim Lernen in der Bibliothek oder Zuhause am Schreibtisch: Den Großteil ihrer Zeit verbringen Studierende im Sitzen. Das Institut für Sport und Sportwissenschaft des KIT hat sich auf die Fahne geschrieben, mehr Bewegung in ihren Alltag zu bringen.

Grafik und Foto: activity KIT
Text: Sarah Werner


„Das lange Sitzen bringt gesundheitliche und kognitive ‚Nebenwirkungen‘ mit sich. Mit unserem Projekt activity kit wollen wir das Gesundheitsbewusstsein und die Gesundheitskompetenz stärken – mit ganz einfachen Mitteln“, sagt Dr. Jule Kunkel, Projektleiterin beim Institut für Sport und Sportwissenschaft (IfSS). Der „Bewegungsbaukasten“ zeigt Studierenden mit und ohne Behinderung Möglichkeiten, in ihrem Alltag kleine Aktivpausen einzubinden. Dabei fußt er auf drei Teilprojekten: „Stand up, students!“, „Students on stairs“ und „Inklusiv mobil“.

Eine stehfreundliche Lehr- und Lernkultur am KIT steht im Mittelpunkt von „Stand up, students!“. „Wir wollen die etablierte Sitzkultur herausfordern. Zwischendurch auch mal im Stehen zu arbeiten fördert die Konzentration, verbessert die Aufmerksamkeit und die Merkfähigkeit des Gedächtnisses. Es beugt Rückenschmerzen vor und kann den Kalorienverbrauch erhöhen“, erklärt Kunkel die Bedeutung von Stehpausen im studentischen Alltag. Deshalb hat activity kit nach Möglichkeiten gesucht, Studierenden mehr Stehplätze anzubieten sowie aktivierende Pausen in der Lehre einzuführen.

In einem ersten Schritt hat das Projektteam, in dem überwiegend Studierende arbeiteten, den Campus Süd des KIT genauer unter die Lupe genommen und Studierende aller Fachrichtungen nach ihrem Sitzverhalten befragt. Aus diesen Ergebnissen hat das Projektteam Ideen konzipiert und seit dem Sommersemester 2018 Lernplätze umgestaltet, Aufenthaltsflächen umgeräumt und Plakate aufgehängt, um Kommilitoninnen und Kommilitonen zu motivieren, lange Sitzphasen zu unterbrechen. Inzwischen gibt es mehrere „Stand-Orte“: Vom Kicker im Studierendenwerk über Lern- und Arbeitsstehplätze in verschiedenen Instituten bis zu mobilen Stehtischaufsätzen in der Bibliothek – an verschiedensten Orten auf dem Campus Süd können Studierende mehr Bewegung in ihren Alltag bringen. Natürlich geht und steht das IfSS als gutes Vorbild voran: „Unser Foyer wurde so umgestaltet, dass wir Steh-Lern- und Aufenthaltsplätze anbieten.“

Auch in Umgebungen, in denen – wie im Hörsaal – klassischerweise gesessen wird, ist es möglich und wichtig, lange Sitzzeiten zu unterbrechen. Eine Masterarbeit zeigte, dass Studierende und Dozierende Gelegenheiten zum Stehen in Vorlesungen sehr gut annehmen, zum Beispiel während Diskussionen oder Videovorführungen. Studierende stellten zudem positive Effekte für sich fest und nahmen die Inspiration für Stehpausen mit in ihre individuellen Lernphasen. Die Projektleiterin wird mittlerweile auch aktiv von Dozierenden kontaktiert. „Ich bin erfreut und zugegebenermaßen auch etwas überrascht, wie offen Dozierende dafür sind, diese klassischen Sitzmarathons in der Lehre aufzubrechen. Natürlich haben sie Interesse daran, dass die Studierenden auch nach 60 Minuten noch fokussiert folgen können und sich weniger vom Handy ablenken lassen. Der positive Gesundheitsaspekt ist für uns hier eine angenehme Nebenwirkung“, so Kunkel.

Eines der besten Trainingsgeräte begegnet uns fast überall im Alltag: Treppen. Daher hat sich das zweite Teilprojekt „Students on stairs“ in Kooperation mit dem MyHealth-Projekt zur Aufgabe gemacht, Studierende zu ermuntern, häufiger mal die Treppe zu nehmen. „Wir möchten die Studierenden für das eigene gesundheitsbezogene Verhalten sensibilisieren und einen Beitrag zur Steigerung ihrer körperlichen Aktivität leisten“, so Philip Bachert, Teilprojektleiter „Students on stairs“. Denn: Treppensteigen hat vielfältige positive Einflüsse auf die Gesundheit und ist vergleichsweise einfach in den Alltag zu integrieren. Als Motivationshilfe brachten Studierende mehrere selbst gestaltete Plakate in verschiedenen Gebäuden auf dem Campus an, in denen die Treppenhäuser in unmittelbarer Konkurrenz zu den Aufzügen stehen, z. B. im Maschinenbau-, Bauingenieur- oder Chemiegebäude. Die Ergebnisse der Interventionsstudie werden derzeit publiziert.

(Screenshot: Baden TV)

Das dritte Teilprojekt befasst sich mit dem wichtigen Thema Inklusion. „Dass Menschen mit und ohne Behinderung an Sportangeboten teilhaben können, sollte und muss Normalität sein“, sagt Dr. Rainer Neumann, der dieses Teilprojekt leitet. Mit „Inklusiv mobil“ wollen die Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler deshalb sowohl im Curriculum des Studiums als auch im Hochschulsport am KIT Inklusion verankern und sichtbarer machen. „Wir wollen ein inklusives Umfeld im Hinblick auf Sport und Bewegung am KIT schaffen.“ Die Konzepte hierfür entstehen gemeinsam mit dem Hochschulsport und Studierenden mit Beeinträchtigung und in enger Kooperation mit dem Studienzentrum für Sehgeschädigte sowie der Beauftragten für Studierende mit Behinderung und chronischer Krankheit. Ein Beispiel ist die Lehrveranstaltung „Kleine Spiele“. Hier lernen die Teilnehmenden, Lehreinheiten so zu planen, dass sie auch für Menschen mit Behinderung geeignet sind. Das Projekt will aber nicht nur am KIT wirken, sondern bewusst Multiplikatoren sensibilisieren: Lehramtsstudierende sollen den Inklusionsgedanken in das Setting Schule und Bachelor- und Masterstudierende in Vereine beziehungsweise Firmen transportieren. Vom ersten Grundgedanken bis zum umgesetzten Konzept waren die Studierenden eng in activity kit eingebunden: „Die Studierenden haben dem Projekt ihre eigene Richtung geben ihre vielen Ideen eingebracht und eigenständig umgesetzt. Wir wissenschaftlichen Mitarbeiter als Projektleiter haben versucht uns so wenig wie möglich einzumischen, sondern zu unterstützen und beraten.“

activity kit ist Teil der Initiative „Bewegt studieren – Studieren bewegt!“: Seit 2017 fördern der Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband adh und die Techniker Krankenkasse damit unterschiedlichste Projekte an über 30 Hochschule in ganz Deutschland, die mehr Bewegung in den Studienalltag bringen. Der erste Förderzeitraum ist Mitte 2019 abgeschlossen, aber das Projekt lebt weiter. Die Initiative geht nun in eine neue Runde und das Projektteam hofft, dass activity kit auch 2020 wieder den Zuschlag erhält.


Weitere Informationen zu activity kit: www.sport.kit.edu/hochschulsport/activitykit.php  

Montag, 9. Dezember, 2019
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Sarah Werner

Geschrieben von: Sarah Werner